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Stimme der Erfahrung: Queen Esther Marrow.

Harlem Gospel Singers

Sie lässt die Töne fliegen

Queen Esther Marrow begeistert mit Gospels auf ihrer „Abschiedstour“ auch in Frankfurt.

Von Volker Schmidt

Die Grenze zum Gottesdienst verschwimmt. Wenn Queen Esther Marrow Gospel sagt und singt, bekommt das Wort seine ursprüngliche Bedeutung zurück: good spell, frohe Botschaft, Evangelium.

Was nicht heißt, dass das Konzert mit Queen Esther und ihren Harlem Gospel Singers in der Alten Oper Frankfurt nicht auch spaßig wäre. Anthony Evans, musikalischer Leiter, reißt das Publikum früh von den Sitzen. Evans besitzt Stimme, Körperfülle und Eleganz eines brünstigen Killerwals. Bei „Sit Down, You’re Rockin’ The Boat“ hämmert er Boogie-Woogie-Läufe und Klassik-Versatzstücke ins Klavier und wirft kokette Seitenblicke ins Auditorium, dass es eine Art und vor allem unglaublichen Stil hat.

Die Gospel Singers – außer Marrow und Evans drei Damen und drei Herren, dazu eine solide Band – inszenieren traditionelle Gospel, neueres spirituell angehauchtes Pop-Liedgut und Klassiker aus dem (vor allem afro-)amerikanischen Songbook. An der Gründung vor 25 Jahren hatte der Mannheimer Konzertveranstalter Michael Brenner einigen Anteil, entsprechend groß ist die Gefolgschaft der Gospel-Queen in Deutschland.

Die Konzerte bis Anfang Februar sind als Abschiedstour angekündigt. Die 76-Jährige muss sich oft setzen, muss gestützt werden – aber ihrer Stimme haben die Jahre und die Erfahrung eher gut getan. Wo die jüngeren Singers in ihren Soli mit sportlichen Stimmband-Stemmübungen protzen, lässt Marrow die Töne einfach fliegen. „Amazing Grace“ etwa: erst ein inniges Duett mit Evans zu Klavierbegleitung, bevor das Kirchenlied zur Rocknummer mit Band und Chor wird.

Marrows Geschichte ist zu schön, um nicht auch hier erzählt zu werden: Als Näherin in einer Fabrik in Newport News, Virginia, sang sie bei der Arbeit, bis eine Kollegin ihr vorschlug, Musik zum Beruf zu machen.

Sie sang in New Yorker Bars, wo Duke Ellington sie entdeckte und groß machte. Ihre Wurzeln reichen aber auch tief in die schwarze Bürgerrechtsbewegung, so sang sie auch für Reverend Martin Luther King, der ihr bis heute ein großes Vorbild ist. Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei predigt sie bis heute im politischen Kontext. Das kann überinszeniert und unfreiwillig komisch wirken, wenn zu der Pete-Seeger-Bibelvertonung „Turn! Turn! Turn!“ auf der Videowand hinter der Bühne zwischen Dalai Lama, Mutter Teresa und John F. Kennedy der Kopf von Helmut Kohl erscheint.

Wenn Marrow aber dazu aufruft, gegen Politiker aufzustehen, die spalten und Angst schüren, und es alle im ausverkauften Haus von den Sitzen reißt; wenn sie fordert, einander gegen den Hass die Hände zu reichen, und durch die Alte Oper ein Kirchentags-Händeschütteln geht – dann wirkt das echt und rührt an. Queen Esther Marrow war bei Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama im Weißen Haus zu Gast. Unwahrscheinlich, dass sie sich von Donald Trump einladen lässt.

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