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Janis Siegel und Nils Landgren beim Rheingau Musik Festival.

Rheingau Musik Festival

Die Lady und ihr Sparringspartner

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Im Rheingau erinnern Nils Landgren und die Sängerin Janis Siegel an Leonard Bernstein.

Zum Jazz stand der genialisch-triftige „U“- und „E“-Überwinder Leonard Bernstein in einem ähnlichen Verhältnis wie Igor Strawinsky oder auch Ernst Krenek: Es ist entschieden der Standpunkt der „Klassik“, von dem her er sich seiner idiomatisch bedient hat; das entscheidende Element der Improvisation hat er ausgeklammert. Auch das Rheingau Musik Festival hat Bernstein, der Ende August hundert Jahre alt geworden wäre, einen kleinen Schwerpunkt gewidmet. Unter anderem hat es den schwedischen Posaunisten Nils Landgren mit der durch das populäre Gesangsquartett The Manhattan Transfer bekannt gewordenen Sängerin Janis Siegel als Gast eingeladen.

Einige Hits bloß – ansonsten ist es keine Revue des Erwartbaren, die im Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhauses zu sehen gewesen ist. Das ist erfreulich gut aufgegangen. Die Synthese aus „klassischem“ Ensemble – 18 Musiker von der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg unter der Leitung von Juri Gilbo – und Jazzquartett funktioniert bestens. Das Orchester – Holz, Blech, Vibraphon und Harfe – spielt sehr farbenreich. Und die Band – Landgren und der Pianist Jan Lundgren, Lisa Wulff am Bass und Rasmus Kihlberg am Schlagzeug – swingt, auf Hardbop-Basis. Das geht ganz prächtig zusammen, gerade weil die eleganten Arrangements darauf angelegt sind, dass jede Seite bei sich bleiben kann.

Was den Gesang anlangt – da treffen zwei stimmlich äußerst unterschiedliche Charaktere aufeinander. Janis Siegel ist eine fantastische Sängerin. Nils Landgren ist ein Sänger von sehr eigener Art. Auf der einen Seite die „sophisticated lady“ mit ihrer vollen, im höchsten Maße kultivierten und in jedem Moment den Anschein von Mühelosigkeit erweckenden Altstimme. Und dann Landgrens ausgesprochen dünner, immer wieder in eine brüchige Höhe aufsteigender, halber Ungesang. Das ist sehr verhalten, in einer Art, die ganz wunderbare Früchte tragen kann. Es kommt aber keineswegs immer derart präsent rüber wie in der Einspielung „Some Other Time“, die 2016 herausgekommen ist. Mitunter gar wirkt Landgren in den Duetten neben Siegel wie ein Sparringspartner. Derweil der viel vermögende Posaunist in den Ansagen minder originelle Scherze reißt.

Das Repertoire umfasst „America“ aus der „West Side Story“ als kurze fanfarenhafte Ouvertüre, streift Bernsteins zentrales Sakralwerk „Mass“ und greift neben Evergreens wie „Maria“ und „Somewhere“ etliche mehr oder weniger entlegene Nummern auf. Viele Balladen, eher wenig vom rhythmisch kantigen Bernstein-Schmiss. In der Vokalise auf Stan Getz’ „Don’t Get Scared“ lässt Siegel den Scatgesang sprudeln, dass es eine Freude ist; in „Lucky To Be Me“ aus „On the Town“ legt sie ein bejubeltes zirzensisch vokales gestopftes „Trompeten“-Solo hin.

Stehende Ovationen brausen zum Schluss auf. Und ja: das war ein musikalisch so konventioneller wie anregender Abend.

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