Lady Gaga, hier als Heilige oder Schneeflocke in Paris.

Musik

Lady Gaga und Helene Fischer: Voll aufdrehen, bitte!

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Lady Gaga und Helene Fischer haben auf unterschiedlichste Weise das Musikjahrzehnt geprägt. Die eine führt in die Irre, die andere will immer perfekt sein.

Natürlich, die Bibel. Das Stück Fleisch, mit dem die italo-amerikanische Sängerin Lady Gaga ihren Ruf als Stil-Ikone endgültig festigte, stammt aus der christlichen Bildsprache und wurde in sogenannten Vanitasdarstellungen verwandt. Das Wort Vanitas bezieht sich auf die jüdisch-christliche Vorstellung von der Vergänglichkeit alles Irdischen. „Es ist alles eitel“ übersetzte Martin Luther und verwandte das Wort „eitel“ in dessen ursprünglichem Sinn von „nichtig“.

Als Lady Gaga 2010 zur Preisverleihung bei den MTV-Awards in einem Kleid aus rohem Rindfleisch auf die Bühne kam, verspürten die Gäste gewiss auch so etwas wie Ekel. Sehr viel mehr aber entzündete sich die Empörung – oder doch nur Aufmerksamkeit – am stilistischen Eigensinn. Lady Gaga wollte nicht irgendjemand in einem Kleid sein. Ihr Erscheinungsbild war auch ein politisches Statement. „Wenn wir uns nicht für das einsetzen, woran wir glauben und nicht für unsere Rechte kämpfen“, erklärte sie in der „Ellen DeGeneres Show“, „dann haben wir bald nicht einmal mehr das Recht auf das Fleisch an unseren Knochen.“ Die kämpferische Pose, die sie anklingen ließ, hatte etwas Balladeskes. Das sei nicht gegen den damals gerade an Fahrt aufnehmenden Veganismus gerichtet, sagte Lady Gaga dann noch. Sie war ja Kummer gewohnt.

Lady Gaga und Helene Fischer - perfekte Performerinnen

Those were the days. Das Jahrzehnt, das die Dekade mit dem schrecklichen Namen Nullerjahre ablöste, hatte ja gerade erst begonnen. Lady Gagas Kleid, das es in einer Ausführung von Modedesigner Alexander McQueen und in einer von Giorgio Armani gab, wurde bald danach in alle Richtungen kunsttheoretisch ausgedeutet. Es gab Vergleiche mit den Leichen-Plastinaten von Gunther von Hagens, aber es wurden auch Bezüge zu den Happenings des Performancekünstlers Hermann Nitsch hergestellt, der immer zur Stelle ist, wenn in Kunsträumen das Blut tropft. Ein derart entfesselter Diskurspop kam denn auch nicht von ungefähr – die aufgeladene Deutungslust zu den Phänomenen der populären Kultur war zuvor bereits am Beispiel Madonna freigesetzt worden. Die 1986 geborene Stefani Joanne Angelina Germanotta alias Lady Gaga jedenfalls hatte klargemacht, dass sie nicht als verglühendes Sternchen durch die Popgeschichte zirkulieren wollte.

Mich hatte sie kurz zuvor bei einer Autofahrt bei voller Lautstärke mit ihrem Hit „Bad Romance“ erwischt. „I want your ugly/ I want your disease/ I want your everything/ As long as it’s free“. Voll aufgedreht klingt das Bekenntnis zu schmutziger Begierde nach Bedrohung und unbedingter Verausgabungslust. Die romantische Liebe ist auf die Überholspur geraten, und eine wie sie, so lautete der Subtext, nimmt mit, was sie kriegen kann.

Das war natürlich eine gezielte Irreführung. Wie Madonna legte auch Lady Gaga Wert darauf, trotz eines koketten Spiels mit dem Anschein der Selbstaufgabe die Kontrolle über ihre Performance zu behalten.

Von Lady Gaga führt eigentlich kein Weg zu Helene Fischer

So viel man auch zu entschlüsseln versuchte, man kam ihr nicht auf die Schliche: „You can’t read my poker face.“ Vorausgesetzt natürlich, dass man ein bisschen mitzuspielen bereit ist. Die ganz coolen wie der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen tun sich damit natürlich schwer, wie eine Äußerung über Lady Gaga beweist. „Gute Popmusik entsteht als unmarkiertes Nebenprodukt guter Posen und Positionen, sie ist der beiläufig abfallende Sound guter und richtiger Ideen. Sie ist mühelos und lakonisch, ernst oder abgedreht, aber sie kann das niemals sein, weil jemand will, dass sie das ist.“

Es kommt auf die Musik nicht wirklich an, soll das wohl heißen, aber man kann gute Pop-Musik nicht nach Belieben an den Reglern im Studio zusammenmixen. Diederichsen attestierte Lady Gaga immerhin das Talent für „rammdösig große Hymnen für Unterfünfjährige und sentimentalen Nachteulen-Schleim“, den sie in Piano-Intros auszuleben verstehe. Okay, okay.

Von den Vexierspielen der Lady Gaga führt eigentlich kein Weg zu Helene Fischer. Obwohl diese für den deutschen Sprachraum beanspruchen kann, den Schlager pop-fähig gemacht zu haben, geht es bei ihr um Sauberkeit und restfreie Performanz. Dabei ist die Erfolgsgeschichte der Helene Fischer, die auch das Ergebnis einer bemerkenswerten Durchsetzungs- und Anpassungsgeschichte ist, nicht ohne ihre Herkunftsgeschichte zu verstehen. Helene Fischer wurde 1984 als zweites Kind russlanddeutscher Eltern im sibirischen Krasnojarsk geboren. Ihr Vater arbeitete als Sportlehrer, ihre Mutter war Ingenieurin.

Helene Fischer erstmals beim „Hochzeitsfest der Volksmusik“

Fischers Großeltern waren Schwarzmeerdeutsche, die 1941 während des Zweiten Weltkriegs nach Sibirien deportiert worden waren. Sie war vier, als ihre Eltern mit ihr und ihrer älteren Schwester aus der Sowjetunion ins rheinland-pfälzische Wöllstein übersiedelten. Ihr Talent wurde bald erkannt und gefördert, ihre öffentliche Anerkennung war auch ein Familienprojekt.

Ihren ersten Fernsehauftritt, bei dem Helene Fischer artig-hausbacken daherkam, hatte sie im Mai 2005 beim „Hochzeitsfest der Volksmusik“ im ZDF. Was danach folgte, war auch in visueller Hinsicht eine allmählich sich vollziehende Transformation von einer russland-deutschen Nachwuchssängerin zu einem universellen Pop-Produkt, das inzwischen mit den Outfits ganz nah an die Keuschheitsgrenze heranzugehen bereit ist, dabei jedoch wie eine strenge Klavierlehrerin darauf achtet, diese nicht zu überschreiten.

Eine Empfehlung zur popkulturellen Weiterverwendung im kommenden Jahrzehnt möchte ich allerdings nicht aussprechen. Dabei würde ich mich gegen den Vorwurf zur Wehr setzen, es nicht wenigstens mit Helene versucht zu haben. Es käme mir nicht in den Sinn, sie während der Halbzeitpause zu einem Fußballspiel grölend und pfeifend niederzumachen. Immerhin habe ich mir ein ganzes Konzert angesehen, aber es blieb am Ende kaum mehr haften, als ihre energetische Präsenz. Helene sang, flog durch die Lüfte und verausgabte sich, als gelte es, eine hoch gesteckte Olympianorm zu schaffen. Atem- und seelenlos durch die Nacht, dieser nie nachlassende Ehrgeiz beim Versuch, Heiterkeit auszustrahlen, machte mich zunehmend nervös. Man konnte einer aufgekratzten Ich-Maschine bei der Zurüstung für eine pausenlose Aufmerksamkeitsökonomie in der digitalen Welt zusehen. Alles perfekt, keine Schnitzer, keine Geschichte.

Selbst die Trennung von ihrem Partner und Kollegen Florian Silbereisen schien nach dem Drehbuch einer Vorabendserie zu verlaufen, in das ein paar Weihnachtslieder mit Robbie Williams wie eine verspätete Erfüllung eines Teenagertraums eingewebt sind.

Lady Gaga hat unterdessen vorgemacht, wie man künstlerisch reifen und auch nach Verwundungen erwachsen werden kann. In dem Film „A Star Is Born“ von Bradley Cooper spielt sie an dessen Seite eine Country-Sängerin, die vom hässlichen Entlein zum gefeierten Star wird – eine Geschichte, in der bereits die große Barbra Streisand die eigene Geschichte mit jener der dargestellten Person überblendete.

Wenn Lady Gaga in „A Star Is Born“ den Song „Always Remember Us This Way“ singt, scheint es so, als hätte es diesen langen Weg gebraucht, um das Pokerface abzulegen und zu zeigen, was für eine großartige Sängerin sie ist.

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