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„Ladies Night“ auf Schloss Vollrads: Gib mir etwas von dieser Freude

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Von: Marcus Hladek

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Shirley Davis beim Rheingau Musik Festival. Foto: Ansgar Klostermann/RMF
Shirley Davis beim Rheingau Musik Festival. Foto: Ansgar Klostermann/RMF © Ansgar Klostermann/RMF

Shirley Davis haut ihr Publikum bei der „Ladies Night“ des Rheingau Musik Festivals um. Und vorher ist auch Indra Rios-Moore verdammt gut

Physiker und Physikerinnen aller Länder, schaltet eure Beschleuniger ab, werft das Standardmodell auf den Haufen und legt den Schlüssel unter die Matte im Cern. Die Dunkle Energie: sie ist gefunden. Shirley Davis ist ihr Name. Zu erleben war dies bei der jüngsten „Ladies Night“ beim Rheingau Musik Festival rund um die Seebühne von Schloss Vollrads in Oestrich-Winkel. Vor der Pause trat Indra Rios-Moore auf, die ihrerseits schon so verdammt gut war, dass Kritiker und Begleitung Wetten eingingen, besser könne es danach kaum werden. Irrtum! So viel zur Haltbarkeit von Theorien auf unzureichender Datengrundlage.

Mehr Kontrast geht kaum

Kontrastreicher konnte das Doppelkonzert schwerlich angelegt sein. Rios-Moore, die von New York und Puerto Rico kommend den dänischen Tenorsaxofonisten und Klarinettisten Benjamin Trærup heiratete und seither die dänische Jazzszene aufmischt, ist sympathisch sanften Gemüts und verbindet ihren christlichen Glauben auf musikalisch gültige Art mit der Liebe zu sehr verfeinerten Gospel- und Soulklängen für alle. Ihr Kontrabassist Thomas Sejthen nebst Drummer und E-Gitarristen halfen ihr, ohne den Sound der kleinen Besetzung zu beschädigen.

Wem die Zeit alsbald still zu stehen schien, konnte sich unter dem Ahorn abschweifenden Gedanken über den French-Connection-Hut des Bassisten oder Trærups Doctor-Green-Look hingeben. Oder man ließ einfach die Dinge vorbeiziehen: den „Little Black Train“ unter Dampf, die Bluegrass-seligen Ermahnungen von „Keep on the Sunny Side“, den Ansporn zu himmlischer Freude „Gimme Some of That Joy“, ein Lied aus Zeiten der Sklaverei („Freedom Road“), die spielerisch-witzigen Reime in „Long As You’re Living“ und auch den Happy-Song „I Can See Clearly Now“. Die beste Kunst mit dunkleren Tönen hob sich Rios-Moore für den Schluss auf: ein „Walk On the Wild Side“ nicht von Lou Reed und den herrlichen Wüstenatem von „Heroes“.

Wie Rios-Moore sang die unübertreffliche Shirley Davis, die mit 16 heiratete und einmal acht Monate im Koma lag (dann spielte sie ein geniales Album ein), viele Lieder ihres jüngsten Albums. Ihre Formation sind die Silverbacks aus Spanien. Sie waren schon ohne sie sehr gut, müssen in der Symbiose mit ihr aber nochmals extremen Schub erfahren haben. Mit zwei Bläsern (Sax und Trompete), E- und Bassgitarre, Drums und Keys nebst Hammondorgel spielen sie auf wie eine eingedampfte Bigband. Shirley Davis aber hat unglaubliche Bühnenpräsenz und Witz, ist mit ihrer kleinen Diven-Persönlichkeit ein Kraftpaket sondergleichen und die Garantie für einen stürmisch drängenden, dynamischen Sound, der gewiss nicht nur an diesem Abend starke Noten von Motown-Soul verbreitete.

Bestach Rios-Moores Stimme zuvor mit ihrer feinen Nuancierung und humorigen Menschlichkeit, zu der es sich vergnüglich hätte einschlafen lassen, so hatte man dazu vor der endlosen vokalen Vielfalt, Intelligenz und unbändigen Stärke der Stimme Shirley Davis‘ null Chance. Engagement steht ihr auch nicht fern, wie ihr glänzender Geschmack in Sachen Titelwahl zeigte.

Von „Stay Firm“ über „Culture or Vulture“ bis zum ersten Höhepunkt „Wild Girl“ streute sie endlos bunte Aromaspuren aus, beschwor die Liebe – was sonst – als „Love Insane“ und machte sich von „Keep On Keeping On“ so heftig ans Animieren, bis das Bühnenschiffchen vor der klatschenden Masse erbebte. Die Zugabe „Black Rose“, zu der sie sich recht lange bitten ließ, hatte endgültig etwas Orgiastisches.

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