Mousonturm

Das Lachen des Erzschurken

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„Kurt Weill jagt Fantômas“ mit Oliver Augst und dem Duo Stereo Total im Frankfurter Mousonturm.

Was ist in Paris passiert? Kurt Weill hatte sich im März 1933 dorthin gerettet, während seine künstlerische und materielle Existenz in Deutschland ruiniert wurde: Konten gesperrt, Honorare nicht mehr ausgezahlt, und Lotte Lenya trieb sich irgendwo herum und schrieb hinhaltende Briefe. Immerhin hatte Weill zu tun. Unter anderem schrieb er im Auftrag von Radio Paris „La grande complainte de Fantômas“ und das Singspiel „Marie Galante“. Rätselhafterweise sind Noten, Texte und selbst die Aufnahme der „Fantômas“-Arbeit verschollen; Jacques Loussier hat sie später aus einer unklaren Material-Situation heraus rekonstruiert.

Diese recht amorphe Überlieferungs-Situation inspirierte Oliver Augst und das Duo Stereo Total (Françoise Cactus, Brezel Göring) zu einer forschenden Re-Kompositionsarbeit. Ihr Hör- und Spiel-Stück „Kurt Weill jagt Fantômas“ interessiert sich weniger für den Stoff als für den Komponisten und liest dessen Zeit in Paris als künstlerische und lebenspraktische Anpassung an ein Leben im Exil. Implizit wirft das Stück einen zutiefst erschrockenen Rückblick auf den deutschen Nationalsozialismus und den virulenten Antisemitismus in Frankreich.

Die Bühnen-Uraufführung im Mousonturm präsentierte ein komplexes Werk. Weill wird durch den Sampler gejagt, mit Turntables aufgemischt und mit beunruhigenden Geräuschkulissen verdüstert. Das minimal-theatrale Hörstück geht nicht Weills Weg, der bekanntlich später zu großen Broadway-Erfolgen führte. Es bohrt vor allem in den Wunden, die Weills Leben während der zweieinhalb Jahre in Paris so schmerzhaft machen. Der fantastische Erzschurke Fantômas ist dabei eine Metapher des Bösen, das Weills Schmerz gern mit einem emblematisch-trivialen Bosheitslachen kommentiert – es muss ja ein Schurke von geradezu leviathanischem Ausmaß hinter all dem stecken!

Die Texte, die Augst und Göring sprechen, markieren Lebenssituationen des Exilanten. Die Lieder, die Charlotte Simon und Augst mit intensiver Präsenz darbieten, stammen aus der „Fantômas“-Moritat und aus „Marie Galante“. Sie sind melodisch intakt, aber von Turntables und Sampler (Alexandre Bellenger) eher bedroht als nur begleitet; dass die Texte größtenteils französisch sind, liegt einfach daran, dass der Komponist sich auf eine andere Sprache, andere Verhältnisse umzustellen hatte. Soviel Fremdheit muss ertragen werden. Merkwürdig bekannt sind einige Motive in den Liedtexten: Die „Complainte de la Seine“ hat ein fernes Vorbild in der Moritat von Mackie Messer, und „J’attends un navire“ – das sich zur heimlichen Hymne der Résistance entwickelte – ist der Seeräuber-Jenny verwandt. Dennoch liegen Welten – und Bedrohungen – zwischen den Stücken der zwanziger und denen der dreißiger Jahre.

Am Ende freut sich Kurt Weill sehr auf den Broadway. Wird Fantômas ihm auch dorthin folgen?

Mousonturm , Frankfurt: 24. Februar. www.mousonturm.de

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