Kunsthistoriker: "Musikvideo noch lange nicht tot"

Der Videoclip ist museumsreif geworden. Das rock'n'pop-Museum im westfälischen Gronau zeigt unter dem Titel "Imageb(u)ilder" ...

Gronau. Der Videoclip ist museumsreif geworden. Das rock'n'pop-Museum im westfälischen Gronau zeigt unter dem Titel "Imageb(u)ilder" Geschichte und Aussichten des Musikvideos. Die Ausstellung läuft bis zum 3. Juli 2011.

Henry Keazor ist einer der Ausstellungsmacher. Der Kunsthistoriker lehrt an der Uni Saarbrücken den Schwerpunkt Bildwissenschaften.

Herr Keazor, vor 30 Jahren brachte der Sender MTV Deutschland das Musikfernsehen ins Wohnzimmer. Seit Jahresbeginn ist der Kanal nur noch im Pay-TV zu sehen. Der Anfang vom Ende des Videoclips?

Keazor: "Das Musikvideo mag weitestgehend aus dem frei empfangbaren Fernsehen verschwunden sein. Die Kunstform ist aber noch lange nicht am Ende. Alle zehn bis 20 Jahre hat es technische Umbrüche gegeben. Dann hat der Videoclip drei Schritte zurück gemacht und sich neu erfunden. Dennoch ist es bezeichnend, dass es diese Ausstellung gibt. Das Phänomen Videoclip ist museal geworden."

Das klingt nach einer langen Geschichte. Wie alt ist diese Kunstform überhaupt?

Keazor: "Musikkurzfilme existieren seit mehr als 100 Jahren. Schon 1906 gibt es den französischen Clip eines Sängers, der ein populäres Lied singt. Der Film zu dem Lied "Anna, qu'est-ce que t'attends" wurde bereits mit Schnitten und im Freien gedreht. Die Regie hat übrigens eine Frau geführt."

Die Szene hat ja einen Wandel durchgemacht. Standen in 80ern noch die Sänger im Vordergrund, wurden später Regisseure selbst zu Stars.

Keazor: "Im Kopf der Leute hatte zunächst einmal Madonna das Madonna-Video gemacht. Erst später, in den 90ern, wurde gefragt: "Wer hat das gedreht?""

Viele Videoregisseure haben Karriere in der Kunst gemacht.

Keazor: "Spike Jonze, der für Fatboy Slim "Praise You" drehte, war später Filmregisseur - etwa bei "Being John Malkovich". Der Clip von Chris Cunningham für Madonnas Lied "Frozen" ist zwar total verunglückt. Dennoch hat Cunningham Madonna damit in der Kunst erst hoffähig gemacht. Und Michel Gondry hat mit dem Video "Bachelorette" für die isländische Sängerin Björk ein narratives Meisterwerk geschaffen."

Wo liegt die Zukunft des Videoclips?

Keazor: "Da ist zum Beispiel die 3-D-Technik. Es gibt aber auch immer mehr interaktive Clips. Der Zuschauer kann sich zum Beispiel im Video "Neuruppin" der deutschen Gruppe K.I.Z. wie in einem Videospiel in verschiedenen Räumen umsehen. Andere Gruppen gehen noch weiter. Dann kann ich sagen: "Der Bassist nervt mich, den schalte ich einfach ab.""

Interview: Christof Bock, dpa (dpa)

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