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Kunst kommt von Wollen

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Patti Smith vergangenes Jahr in der Schweiz.
Patti Smith vergangenes Jahr in der Schweiz. © dpa

Sie ist Dichterin, Musikerin und Mutter des Punkrock: Zum siebzigsten Geburtstag der einzigartigen Künstlerin Patti Smith.

Von Frank Junghänel

Den schönsten Artikel zu ihrem siebzigsten Geburtstag hat sich Patti Smith selbst geschrieben. Er ist am 14. Dezember im Magazin „The New Yorker“ erschienen, ein paar Tage nach ihrem so herzergreifend verpatzten Auftritt bei der Nobelpreisverleihung in Stockholm. Beim feierlichen Vortrag von Bob Dylans Song „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ war sie in der zweiten Strophe ins Stocken geraten. Sie versingt sich, setzt neu an, bricht wieder ab. „Es tut mir leid, ich bin so nervös“, sagt sie, dann fängt sie sich und bringt das traurig-zornige Lied mit dem Orchester im Rücken sehr schön zu Ende. „Ich wurde von einer Unmenge Emotionen erschlagen, die wie eine Lawine auf mich herabstürzten, so dass ich mit ihnen nicht umgehen konnte“, schreibt sie. „Ich hatte nicht den Text vergessen, den ich völlig verinnerlicht habe. Ich war einfach unfähig, ihn zutage zu fördern.“ Es ist dieser Augenblick des Unperfekten, eines Scheiterns, das in Wahrheit menschlich ist, der ihre Darbietung unvergesslich macht.

In ihrem Essay nähert sich Patti Smith dem Stockholm-Moment mit einem großen biografischen Anlauf. „Ich wurde am 30. Dezember 1946 in Chicago geboren, inmitten eines gewaltigen Schneesturms.“ Während ihr Vater am geöffneten Autofenster dem Taxifahrer hilft, durch die wirbelnden Flocken den Weg zum Krankenhaus zu finden, setzen bei ihrer Mutter die Presswehen ein. Schließlich schaffen sie es noch. „Ich war ein dürres Baby“, schreibt sie, „und mein Vater bewahrte mein Leben, indem er mich über eine dampfende Waschschüssel hielt, was mir das Atmen erleichterte“. Patricia Lee Smith, wie sie mit ihrem Geburtsnamen heißt, kommt mit einer Lungenentzündung auf die Welt – eine Welt, der sie beizeiten zu entfliehen sucht.

Ihr Fluchtpunkt sollte die Kunst werden. Malerei, Literatur, Musik. Im Alter von elf Jahren beschließt Patti Smith, Künstlerin zu werden. „Ich stellte mir vor, die Berufung zu spüren und betete darum, es möge so kommen“, hat sie einmal erzählt. Sie ist ein kränkliches Kind und kränkliche Kinder haben viel Zeit zum Lesen. Ein Vorteil fürs Leben. In ihrer Fantasie reist sie zu Albert Schweitzer nach Lambaréné, streift mit den Trappern durch den Westen Amerikas, klettert auf die Gipfel des Himalaya. Sie erfindet Geschichten und eigene Stücke, das Publikum sind ihre drei Geschwister und der Hund der Familie. Der Vater arbeitet in der Fabrik, die Mutter kellnert.

Schon als Kind muss Patti Smith, obwohl von anfälliger Natur, über diese ungeheuere innere Kraft verfügt haben, die man heute noch bei ihr spürt. Zu Hause in einem Kaff im Süden von New Jersey, imaginiert sie sich ein Leben nach ihrer Wahl. Sie folgt dem „Dream of Life“ wie eine ihrer späteren Platten heißt. Mit zwanzig bringt sie ein Mädchen zur Welt, das sie zur Adoption freigibt. Sie jobbt zu dieser Zeit in einer Schulbuchdruckerei. Kein Geld, keine Perspektive. Am 3. Juli 1967 steigt sie in den Bus nach New York. Keiner erwartet sie. Jeder wartet auf sie.

Patti Smiths Lebensgeschichte liest sich wie die Blaupause einer Künstlerbiografie schlechthin. In New York lernt sie den Fotografen Robert Mapplethorpe kennen, mit dem sie nicht nur zusammenzieht, sondern nach und nach Zugang zur Bohème der Metropole findet. Sie schließen sich den Kreisen um Andy Warhol an, entdecken Bob Dylan, leben eine Weile im Chelsea Hotel, dieser Kultstätte der Popkultur. Patti Smith schreibt keine Abenteuergeschichten mehr, sondern expressive Poeme, die von Charles Baudelaire und Arthur Rimbaud beeinflusst sind. Sie zieht mit ihrer Schwester Linda sogar nach Paris, um dem Geist ihrer Idole nahe zu sein. Die frustrierenden Erfahrungen in der Provinz werden verdrängt von einem Gefühl der Liberalität, künstlerisch, politisch, sexuell.

Jenseits aller weiblichen Klischees

Gegen die Macht vorherrschender Moden und Ideale inszeniert sie ihr Frausein jenseits aller weiblichen Klischees. Sie trägt Männerhemden, schwarze Rollkragenpullover, weite Jacketts. Mit der Homosexualität ihres Freundes Mapplethorpe arrangiert sie sich. Bis zu seinem fürchterlichen Aids-Tod wird sie an seiner Seite sein. Mapplethorpe ist es auch, der sie für das Cover ihres Debütalbums „Horses“ fotografiert. Mit ihren Hosenträgern und ihrem stolzen Blick liefert Patti Smith auf diesem Bild ein Rollenmodell für Frauen jedweder Generation.

Wahrscheinlich ist das Cover heute bekannter als die Musik des Albums. Patti Smith wird zwar als Mutter des Punkrock verehrt, doch Punk formuliert sich bei ihr eher in Haltung, Stil, in ihrer Androgynität. Die Rockmusik dient ihr oft lediglich zum Transport ihrer elaborierten Texte. Ihren einzigen Hit hat sie mit Bruce Springsteens „Because the Night“.

Gut möglich, dass Patti Smith gar keine Platten mehr aufnehmen wird. Sie schreibe an einem Kriminalroman, heißt es. Irgendwie ist das eine schöne Vorstellung.

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