+
Das Leben ist wieder bunt für Björk, die isländische Sängerin, Komponistin und Schauspielerin.

Björk „Vulnicura“

Vom Kummer zum Sommer

  • schließen

Björk singt sich auf ihrem neuen Album „Vulnicura“ den Trennungsschmerz eindrucksvoll aus der Seele. Aus dem unfreiwillig verfrühten Kursieren der Titel scheint sie sich nichts zu machen. Sie bleibt cool und nett.

Die Sängerin Björk Gudmundsdottir, eines der größten Phänomene unserer Zeit, lebte eine ganze Weile in Brooklyn Heights zusammen mit dem Künstler Matthew Barney, einem weiteren Phänomen unserer Zeit, wenn auch nicht ganz so phänomenal wie Björk. Beide haben eine gemeinsame Tochter, Isadora Bjarkardottir Barney (12).

Solch einen Namen bekommt man nur, wenn man eine Isländerin und einen US-Amerikaner als Eltern hat. 2013 gingen diese Eltern auseinander. Björk bringt die ganzen Trennungsgefühle in ihrem neuen Album unter. Es heißt „Vulnicura“, auf Deutsch etwa: Wundheilung, und es geht ganz schön unter die Haut.

Eigentlich sollte es im März erscheinen, das neue Album, aber dann gelangte die Musik irgendwie schon früher ans Tageslicht – geleakt heißt das heute (englisch leak = undicht). Viele Leute wären garantiert sauer, posaunte man ihre ausgesprochen persönlichen Erfahrungen einfach ungefragt hinaus.

Kein Vergleich mit Madonna

Madonna beispielsweise rief praktisch die Kavallerie, als ein Hacker jüngst ihr aktuelles Werk „Rebel Heart“ schanghaite, und das war noch nicht mal ein besonders persönliches, sondern halt nur das übliche zeitgeistige Madonna-Ding. Es war auch keine begleitende Madonna-Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art geplant zum CD-Start im März. Eine begleitende Björk-Ausstellung zum CD-Start im März ist durchaus geplant.

Und was macht Björk, als ihre Lieder plötzlich durchs Internet schwirren? Veröffentlicht das Album eben zwei Monate früher als geplant bei iTunes. Schreibt dazu nur die freundlichsten Sätze an ihre Fans. „Ich bin so dankbar, dass ihr euch immer noch für meine Arbeit interessiert!“ Und sagt jedem, was sie zu dieser Platte getrieben hat, selbst ein wenig erstaunt, wie sorgfältig sie die leidvolle Geschichte erzählt. „Und wie biologisch dieser Prozess ist: die Wunde und die Heilung der Wunde.“ Sie sei mit einer störrischen Uhr gekoppelt, die Wunde. Sie braucht ihre Zeit.

Nun ist es nicht der allerletzte Schrei, Trennungen mit Musik zu verarbeiten. Kein Problem, die komplette Dienstagausgabe Ihrer Frankfurter Rundschau mit entsprechenden Titeln vollzuschreiben: „If You Leave Me Now“ (Chicago), „Wenn du gehen willst, dann geh“ (Vicky Leandros), „Love Will Tear Us Apart“ (Joy Division), „Junimond“ (Rio Reiser), „Wie werd ich leben können / O Mädchen, ohne dich?“ (Mozart). Die Britin Adele hat ja auch ein ganzes Trennungsalbum auf die Welt gebracht, und was für eins.

Kein Vergleich mit Radio-Abschiedslyrik

Aber was die 49-jährige Björk da macht, ist gar nicht mit der bekannten Abschiedslyrik aus dem Radio zu vergleichen. Die Lieder heißen „Lionsong (five months before)“ oder „Black Lake (two months after)“. Sie ergeben eine Chronologie des Kummers und des wieder aufkeimenden Lebensmuts, und im Gegensatz zu den anderen Beispielen kann man es sich abschminken, diese Musik beim Abendessen mit Freunden nebenher laufen zu lassen.

Sie will Aufmerksamkeit. Das war eigentlich immer so, seit Björk ihre Band Sugarcubes in den 90ern verließ; danach gab es auf ihren Platten stets diese außergewöhnliche Stimme plus Musik, die respektvoll daran teilnimmt – nicht mehr umgekehrt.

Jetzt aber, auf „Vulnicura“, wechseln sich große Klangereignisse wie der Auftaktsong „Stonemilker“ (Streichorchester & Elektronikbeats) ab mit Minimalistik wie in „Notget“ und vor allem mit diesen Zeilen: „Once you fell out of love / Our love couldn’t carry you / And I didn’t even notice / For our love / Kept me safe from death“. Einst fielst du aus der Liebe (also das englische Gegenteil von verlieben; der Begriff „entlieben“ wird hiermit aus ästhetischen Gründen verweigert), unsere Liebe konnte dich nicht tragen, und ich hab’s nicht mal bemerkt, weil unsere Liebe mich vor dem Tod beschützte. Das wiederholt sie oft: Liebe wird uns vor dem Tod beschützen.

Dem britischen „Guardian“ fiel ein, dieses Björk-Album sei „eine Art Avantgarde-I-Will-Survive“. Sehr schön. Das vertreibt die verzweifelten Bilder aus dem Kopf, die in der Mitte auftauchen und an „Dancer In The Dark“ erinnern, den verstörenden Björk-Musikfilm von 2000, nicht gerade ein Überlebensdrama, im Gegenteil. Am Ende aber gewinnt „Vulnicura“ in der Tat an Helligkeit. So stellt man sich’s auch im isländischen Sommer vor.

„A complete heartbreak album“, sagt Björk, hat sie geschrieben. Es ist 59 Minuten lang, erstaunt immer wieder mit seinem Mix aus Orchesterklang und Elektronik, baut wunderschöne Bögen und reißt sie mit stolpernden Tritten wieder ein, es ist wie in der Liebe.

Das Lied „Atom Dance“ singt Antony Hegarty mit, die Stimme von Antony and the Johnsons und Björks „Göttin der Liebe“, wie sie auf ihrer Website schreibt. Mitgeholfen hat auch der venezolanische Produzent Alejandro Ghersi, genannt Arca. Alle zusammen haben sie die Wunde offenbar recht gut geheilt: „There is a way out“, resümiert Björk. Es gibt einen Ausweg.

Björk: Vulnicura (One Little Indian), als Download bei iTunes. Veröffentlichungszeitpunkt auf CD und Vinyl bleibt der März.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion