hr-Sinfonieorchester

Kühler, härter, schärfer

  • vonBernhard Uske
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Das hr-Sinfonieorchester in reduzierter Besetzung, aber gerade darum profiliert bei Bryce Dessner und Antonín Dvorák.

In der Geschichte der Musik ist das nichts Neues: das Reduzieren von Orchesterbesetzungen, wie etwa bei Igor Strawinsky, der sich im US-amerikanischen Exil mit kleineren Fassungen seiner populären Ballette Einkünfte verschaffte, die ihm nach seiner Emigration aus der Sowjetunion nicht zur Verfügung standen. Arnold Schönberg wiederum passte für seinen Verein für musikalische Privataufführungen groß dimensionierte Werke an die Räumlichkeiten und die finanziellen Möglichkeiten seiner Hörer-Elite an.

Jetzt könnten die Corona-Einschränkungen eine neue Welle der Neufassung von Werken auslösen, die in ihrer Originalgestalt für das Musizieren unter Abstandsregulierung unmöglich sind.

Bryce Dessner, der 44-jährige „Composer in Residence“ des hr-Sinfonieorchesters, hat sein 2018 uraufgeführtes Konzert für zwei Klaviere und Orchester den pandemischen Umständen angepasst. Aufgeführt wurde die „Fassung mit reduzierter Orchesterbesetzung“ jetzt im hr-Sinfoniekonzert, das im Sendesaal des Funkhauses am Dornbusch stattfand. Mit den Uraufführungs-Pianistinnen Katja und Marielle Labeque unter der Leitung des Noch-Chefdirigenten der hr-Sinfoniker Andrés Orozco-Estrada. Eine nun herber wirkende, aufgelöstere Erscheinung jener dreisätzigen Klangwelt, die ein bisschen wirkt wie das komplexe Ausarbeiten von Momenten des Idioms der US-Band „The National“, in der Bryce Dessner als Pianist und Gitarrist aktiv ist.

Mit Rotwein-Rockromantik

Die lakonisch-schwermütige und gefällige Stimmgebung der Gruppe, die für Kassenschlager in der Szene sorgt und manchem Kenner als angefolkte Rotwein-Rockromantik gilt, war hier recht stylish in minimal-music-Formate versetzt mit markanten breaks aber auch lyrisch anmutenden Melodieverhäkelungen der Solo-Klavierstimmen. Ziemlich ungewöhnlich, dass klassische Orchestrierung kühler, härter und schärfer ein populäres Genre konturiert, als es seine rockige Herkunft tut. Dessner scheint jedenfalls ein gutes Gespür für die konstruktiven Ansprüche des sinfonisch-konzertanten Idioms zu haben und selbiges zeitgerecht umsetzen zu können.

Die Schwestern Labeque glänzten, ebenso das trotz seiner Ausdünnung überhaupt nicht blutarm oder mager klingende Tutti des hr-Sinfonieorchesters. Orozco-Estrada hielt den impressiven Aspekt dieser Musik kurz und setzte auf ausgehärtete Satzkontur.

Weniger gemütlich-musikantisch denn schneidig und behände entwickelte sich die 8. Sinfonie Antonín Dvoráks in G-Dur, deren adapierte parzifalische Wunden-Beklagung des 2. Satzes in feinster Verhaltenheit wie klingende Einschlüsse im böhmischen Klangmaterial erschien. Wunderbar die endlose Melodieführung der Streicher wie ein assoziierter Flieder-Monolog Hans Sachsens. Ebenso idiomatisch treffend die stolze Meistersinger-Behäbigkeit des Finales in forschem Duktus. Der böhmische Brahmsianer, der sich hier im Fundus des Antipoden Wagner einmal genauer umgesehen hat. Ein großer Auftritt auch für die Bläser des Orchesters, die sich durch die Streicher-Reduktion in allen Registern exemplarisch profiliert zeigen konnten.

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