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George Benjamin leitet das Ensemble Modern in der Alten Oper Frankfurt.

Musik

Die Kraft, der Fluss, die Harmonie

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Das Ensemble Modern mit dem Komponisten und Dirigenten George Benjamin in der Alten Oper.

Mit Musik kann ich ein Herz so leicht öffnen, wie du eine Tür öffnest.“ Die Sätze stammen aus George Benjamins „Lyrische Erzählung nach einem Libretto von Martin Crimp“, die zum Abschluss des Ensemble-Modern-Konzerts im Mozart Saal der Alten Oper erklangen. Eine 40-minütige und vom Komponisten selbst dirigierte, getragene, meist sparsam formatierte Klangbewegung mit Sopran- und Altsolo.

Es geht um den Rattenfänger von Hameln und eine spezielle Moral von der Geschicht’, die dem 2006 entstandenen Werk jetzt die Wiedervorlage bescherte. Ein Willkommen wird den Rattenscharen von Volkes wegen nicht gewährt, weshalb der Minister sich der Künste eines musikalisch versierten Ratten-Entführers bedient, der aus Rache für verweigertes Honorar dann auch Volkes Kinder fortschafft.

Musikalisch gesehen ein sirenischer Sachverhalt: Verführung durch Klang. Aber George Benjamin kam dieses Attribut trotz der schönen Stimmen Anu Komsis und Helena Raskers nicht zu.

Da hatte der 35-jährige Christian Mason vorderhand bessere Karten, denn nicht nur der Titel seiner Arbeit „Layers of Love“, sondern auch die Klangwelt selber rührten an tiefer gründende Schichten der akustischen Wahrnehmung. Die gärenden mikrotonalen Prozesse von 2015 erinnerten an Giacinto Scelsi waren eindrücklich. Mason hat auf die gänzlich unpsychologische Idee gesetzt, das Unbewusste lasse sich vertonen, statt darauf, dass mit Klang allenfalls auf das Unbewusste gezielt werden kann.

Da war Cathy Milliken dem musikalischen Türöffnen sehr viel näher. Ja, streckenweise klang es, als ginge die Tür tatsächlich einen Spalt breit auf in „Bright Ring“, der Uraufführung des Abends. Eine Art energetische Klangkommunikation zwischen Instrumentalgruppen, die sich in ihren eigensinnigen Tonbildungsweisen animierend verdichteten. Bei der Konzeption des Stücks soll es um Kraftfelder der Saturn-Ringe gegangen sein. Da lag der Zuhörer, der die Erklärungskrücke Programmheft immer erst nach dem Hören zur Kenntnis nimmt, mit seiner Vorstellung einer Déformation professionelle des Wagnerschen Ring-Kosmos gar nicht so falsch. Die Kraft, der Fluss, die harmonische Ladung: In der sperrigen Kargheit des Haustons der Neuen Musik als verknitterte Sphärenharmonie.

Bezaubernd und auch für den Kenner eine Rarität: Luigi Dallapiccolas „Piccola musica notturna“ aus den Jahren 1954/68. Ein unorthodoxer, also freier Umgang mit Zwölfton-Musik, der zu Sensibilität und zu Farbe in dieser „Kleinen Nachtmusik“ à la mode führte. Wunderbar realisiert wurde das vom Ensemble Modern und seinem Dirigenten Benjamin.

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