1. Startseite
  2. Kultur
  3. Musik

Koreanische Ahnengedenkzeremonie: Fremde, verwirrende Schönheiten

Erstellt:

Von: Arno Widmann

Kommentare

Gewaltige Cluster entstehen aus Musik und Bewegung. National Gugak Centre
Gewaltige Cluster entstehen aus Musik und Bewegung. National Gugak Centre © National Gugak Centre

Ein Konzert aus dem alten Korea.

Es war dumm von mir, nicht in die Einführung zu gehen. Ich hätte vielleicht gewusst, worauf ich zu achten habe. So bin ich nur einem Höllenlärm ausgeliefert, den an die fünfzig Schlag-, Streich- und Blasinstrumente veranstalten. Ein Mann singt dagegen an. Achtzig Minuten lang.

Ich sitze in Berlin im großen Saal der Philharmonie und erlebe die Aufführung einer koreanischen Ahnengedenkzeremonie (Jongmyo Jeryeak). Seit dem 18. Jahrhundert wird sie jedes Jahr vor dem riesigen Jongmyo-Schrein aufgeführt. Ein Fest, das vielleicht am ehesten mit unserem „Allerseelen“ zu vergleichen ist. Schrein und auch die Musik, die ich gerade höre, gehören zum Unesco-Weltkulturerbe. Der ganze Vorgang erinnert daran, wie europäische Kirchenmusik aus dem sakralen Raum in die Konzertsäle verlagert wurde. Ich schreibe diesen Artikel in den Räumen der ehemaligen Singakademie, in der Mendelssohn 1829 die Matthäuspassion für das säkulare Zeitalter neu entdeckte. Aus der Religion wurde Kunstreligion.

Etwas Vergleichbares scheint mit Jongmyo Jeryeak passiert zu sein. Wie die Matthäuspassion bei uns nach wie vor in den Kirchen aufgeführt wird, Gottesdienst ist und gleichzeitig als Menschenwerk für Menschen genossen werden kann, so geht es wohl auch Jongmyo Jeryeak.

Allein der Gedanke, Zeuge einer solchen gewaltigen Metamorphose zu sein, zuzuschauen, wie eine sich wandelnde Gesellschaft ihr Erbe umfunktioniert, weckt die Neugierde auf das, was man sieht und hört.

In kleinerem Format

Die kleine Bühne der Philharmonie kann den Aufwand der koreanischen Inszenierung nur miniaturisiert wiedergeben. Ganz abgesehen davon, wie teuer der Transport der ganzen Truppe gekommen wäre. An dem überwältigenden Eindruck des Ganzen ändert das freilich wenig.

Das Ereignis findet bei uns im Saale statt. Das bündelt die Klänge viel stärker als bei einer Aufführung im Freien oder in den weiten offenen Hallen fernöstlicher Schreine. Im Programmheft werden die einzelnen Instrumente vorgestellt und die Texte übersetzt, die der Sänger dem Orchester entgegenhält. Aber tut er das immer? Nein. Er lässt sich auch tragen von den Musikern. Wichtig aber ist, dass er immer zu hören ist. Ist er auch zu verstehen? Ich weiß es nicht. Es ist ein konfuzianisches Ritual. Also in unserem Sinne kaum religiös. Die Texte besingen Ahnen und ihre Leistungen. Es geht gerade nicht um „Allein Gott in der Höh sei Ehr.“ Ein Lied lautet so: „Ssangseong, kleine Stadt so fern von Goryeo./ Die inkompetenten Beamten/ vernachlässigten ihre Pflichten und das Volk litt./ Als sich unser heiliger Hwanjo um/ die Menschen kümmerte,/ kehrte das umherziehende Volk/ endlich glücklich nach Hause zurück.“

Der Sänger erzählt diese kleine Geschichte durch den Lärm der Instrumente hindurch und über ihn hinweg. Kennt man den Text, entsteht eine Spannung zwischen dem heiteren Ende des Liedes und dem dreifachen Klatschen, mit dem die Musik endet. Es markiert immer das Ende. So wie das einfache Klatschen den Anfang markiert.

Ich spreche immer vom Lärm. Das ist natürlich Unsinn. Verstände ich etwas von Musik, von dieser Musik gar, ich würde die gewaltigen Cluster durchdringen, könnte nicht nur feststellen, dass die Jingo-Trommel geschlagen wird, um den Gang der Musik zu unterbrechen, um das Ende einer Phrase anzuzeigen, sondern ich könnte auch sagen, wann – warum gar – manchmal sie das zusammen mit der Jing-Gong tut und manchmal nicht. Soli habe ich nur zwei gehört. Beide Male von einem Trompeter, dessen Instrument ich im Programmheft nicht finde.

Nichts von dem, was ich hier aufschreibe, wird exakt so richtig sein.

Wie sollte es auch? Aber es ist eine beeindruckende, umwerfende Vorstellung. Etwas Fremdes, das wir – so sehr ich es immer wieder versuche – nicht gleich umformulieren können in Vertrautes. Aber es wird genügen, Vertrautes – zum Beispiel die Cluster bei Mahler, die Abbado hier in der Philharmonie wie riesige Plastiken in den Raum stellte – mit anderen Ohren zu hören und auch ein anderes Gefühl dafür zu entwickeln, wie Räume sich mit Bewegungen anders er- und verschließen lassen als wir das in unseren Theatern tun.

Als Journalist wird man oft mit Unbekanntem konfrontiert. Man ist also immer wieder der Dumme. Eine Erfahrung, die ich gerne weiterempfehle.

Die nächsten Jongmyo-Jeryeak- Konzerte: 17. September Hamburg Elbphilharmonie, 23. München Prinzregententheater, 26. Köln Philharmonie.

Auch interessant

Kommentare