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Konstantin Wecker, der am 1. Juni 70 wird.

Liedermacher

Konstantin Wecker wird 70

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Konstantin Wecker feiert am 1. Juni Geburtstag – auch mit der empfehlenswerten Edition „Poesie und Widerstand“.

Nein, „Willi“ ist nicht auf der opulent arrangierten Geburtstagsedition, die Konstantin Wecker zu seinem 70. Geburtstag am heutigen Donnerstag unter dem Titel „Poesie und Widerstand“ herausgebracht hat. „Willi“ war Mitte der siebziger Jahre eine ins Tragische tendierende Sprechballade, in der Wecker am Klavier vom unerschrockenen Freiheitssinn seines Freundes Willi sprach und sang.

Aber das ging, zumindest in dem Lied, nicht gut aus. Willi wurde erschlagen, Opfer eines dumpf-rechten Milieus, das jenen liberalen Freisinn, den Willi verkörperte, ausgelöscht sehen wollte.

Das Stück befand sich auf der Platte „Genug ist nicht genug“, mit der Konstantin Wecker über seine bayerische Fangemeinde hinaus bekannt wurde und die als Amiga-Platte auch für seine Fans in der DDR erhältlich war. Ziemlich bald gehörte Konstantin Wecker zur Premiumgarde der deutschen Liedermacher, die gesinnungsfest die kulturelle Hegemonie der Linken demonstrativ verkörperten. Jeder ein bisschen anders. Hannes Wader hatte sich vom hippiesken Barden („Heute hier, morgen dort“) zum parteinahen Absingen von Arbeiterliedern entschlossen, Reinhard Mey pflegte die vom französischen Chanson inspirierten subtilen Töne, und Wolf Biermann war „der Biermann“. Kein Vergleich. Konstantin Wecker ist musikalisch vielseitig, und seine lyrische Begabung beachtlich. Ein Lied wie „Wer nicht genießt, ist ungenießbar“ hat einen Brecht’schen Hauspostillen-Ton, und der lebensgierige Wecker widersprach dem etwas vergrämten Oberlehrerton vieler seiner Kollegen. „Ich singe, weil ich ein Lied hab’“ ist denn ja auch eine Art poetologisches Manifest, in dem der Sänger seinen Eigensinn betont, dem zufolge er sich allein von seinen musischen Eingebungen und nicht von einem ideologischen Zeitgeist leiten lasse.

Gehalten hat er sich daran nur bedingt. Irgendwann begann Wecker mit seinen apodiktischen Parolen auch zu nerven. Einer, der zu wissen meint, wo es lang geht, singt anderen vor, wo es lang geht. Und immer orchestriert mit etwas zu viel Pathos.

Ein Lied, das dies appellativ zum Ausdruck bringt, ist „Sage Nein“, die Aufforderung, gegen jegliches gesellschaftliches Unrecht aufzustehen und sich einzumischen. Das hatte etwas unangenehm Formelhaftes, und leider nichts von der Bots-Hymne „Aufsteh’n“, die bald ins Schunkellied umkippte. Umso überraschender hört es sich nun aber an, wenn „Sage Nein“, neu arrangiert, und mit der Unterstützung von Conchita Wurst, Pippo Pollina und anderen, in einen universellen Kontext gestellt wird und als eine Reaktion auf den europäischen Populismus gedeutet und gehört werden kann.

„Poesie und Widerstand“ ist unverkennbar eine musikalische Bilanz, eine durchaus demütige. Eine Zeit lang hat Konstantin Wecker nach dem prallen Leben gegriffen, seine Kokain-Sucht hat ihm eine Haftstrafe eingebracht. Wer vorübergehend lieber vom Weckersound abgelassen hat, sollte es ruhig noch mal versuchen. „Poesie und Widerstand“ hat, wenn man dazu bereit ist, auch etwas Versöhnliches.

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