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Konstantin Wecker. Thomas Karsten
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Konstantin Wecker. Thomas Karsten

Neues Album, neues Buch

Konstantin Wecker: Mehr als nur ein Lied

  • VonJan Opielka
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Konstantin Wecker ist ganz der alte Utopist in einem Buch und einem neuen Album.

Es mutet in dieser Corona-Zeit mitunter bizarr an, wenn Musikerinnen und Musiker bei Video-Auftritten vor der Kamera alleine „Konzerte“ spielen. Bei Bühnentieren wie Konstantin Wecker wirkt dies nahezu anormal. Denn der 74-Jährige atmet erst wirklich, wenn er vor Menschen spielt. Nun musste auch er gut ein Jahr lang Lockdown-Musik machen – doch er verarbeitete dies in zweifacher Weise: in Buch- und in Album-Form. „Ich singe, weil ich ein Lied hab’, hieß eines meiner allerersten Lieder. Nicht, weil es euch gefällt. Und das ist mein künstlerisches Lebens- und Überlebensmotto geblieben“, schreibt er in der Einleitung des Buches „Poesie und Widerstand in stürmischen Zeiten“.

Hier wie auch auf dem Album „Utopia“ thematisiert er indes nicht nur persönliche Erlebnisse. Vielmehr leuchten die seit Beginn des Jahres 2020 entstandenen Beiträge die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen auf Gesellschaft, Kultur und Kunstschaffende aus. Man brauche Kultur, sie sei systemrelevant, schreibt Wecker. In der Kultur gehe es eben nicht in erster Linie „um Unterhaltung, sondern um Haltung“. Durch die Turbulenzen der Pandemie müsse vor allem die Subkultur, die „substanziell bedroht“ sei, geschützt werden – am besten durch ein Grundeinkommen.

Überhaupt bildet der Begriff der Kultur in dem Buch programmatisch den roten Faden – etliche Beiträge beschäftigen sich mit ihrer Allgegenwart: der „Kultur der Hoffnung“ etwa auf dem „langen Weg nach Utopia“. „Gerade an der Utopie, die nie eine starre Ideologie ist, kann man sich orientieren, um gemeinsam mit anderen an einer Idee zu arbeiten.“

Immer wieder spricht Wecker von einer „herrschaftsfreien Welt“, von der er weiter träume. Das Album „Utopia“ ist in dieser Hinsicht vor allem eine Neuauflage dieses Traums. Während das Buch in schlichte, manchmal allzu schlichte Prosa gefasst ist, ist das Album „Utopia“ die verdichtete, flammende Version des Buchgehalts. Dass er weniger ein Essayist, sondern ein Poet ist, zeigt er auf dem Album auch an vier unvertonten Gedichten – gleich zu Beginn etwa mit seiner Version eines „Faust“-Prologs. „Wer bin ich nur? Ich weiß es nicht und ahne viel (...) Ein Ahnen nur, kein Wissen, Nie! / Nur eine Spur, von dem, was diese schöne Welt / Im Innersten zusammenhält“. Dann spricht und singt er, im Lobgesang „An die Musen“. „Neu gedichtet, neu vertont, alles wird zur Poesie / Was in meinen Tiefen wohnt und bislang noch nie gediehen / Alles offen ohne Scham, was mir zwar schon anverwandt / Doch noch nie zum Blühen kam, sprachlos war und unbekannt.“

Das Buch, das Album:

Konstantin Wecker: Poesie und Widerstand in stürmischen Zeiten. Kösel 2021. 176 S., 14 Euro.
Konstantin Wecker: Utopia. Sturm & Klang.

Doch so unbekannt, wie er es ankündigt, sind die Themen der 18 Stücke nicht. Vielmehr sind sie ganz und gar Wecker: es ist der von Liebe und Leidenschaft singende, auf den Klaviertasten den „raunenden Regen“ vertonende, mit bissigen Versen gegen Krieg und Verdummung wütende Künstler.

Ein Höhepunkt, musikalisch wie lyrisch, ist „Die Tage grau“, ein Duett mit Singer-Songwriterin Sarah Straub. „Du versuchst zu leben / Und weißt genau, du wirst nie wieder schweben / So wie es war, als dich deine Gedanken / Noch nicht ins Taumeln brachten und noch nicht ins Schwanken.“ Und freilich ist „Utopia“ auch politisch. „Dass die Herrschenden andere gerne knechten, leuchtet mir ein. Dass die Geknechteten sich lieber knechten lassen, als sich zu erheben, will mir nicht in den Sinn“, rezitiert er, um anschließend singend zu deklarieren: „Es gibt kein Recht auf Gehorsam.“ Denn: „Erst schafft ihr euch Untertanen / Dann glaubt ihr ganz oben zu sein / Mit Uniformen und Fahnen / Alles nur Schall, Rauch und Schein / Nur wer seiner selbst nicht sicher / Erhebt sich selbst zum Herrn“.

Während Wecker in seinen poesophischen Texten einen Garten des Mehrdeutigen erblühen lässt, ist er in seinen politischen Stücken alles andere als mehrdeutig: hier ist alles meist klipp und klar, was an manchen Stellen die Strahlkraft der Worte schwächt. In drängendsten Momenten indes haut der Liedermacher dem Hörenden bittere Wahrheiten um die Ohren.

In der Neuauflage seines Klassikers „Willy“ etwa setzt er Vili Viorel Paun, einem der Opfer des Hanau-Attentats vom Februar 2020, für dessen Mut ein lyrisches Denkmal und prangert zugleich die „Missstände bei der hessischen Polizei“ an. In „Schäm dich Europa“ heißt es: „Du hast soviel Besitztümer an dich gerissen / Macht und Besitz sind dein gieriges Ziel / Auch heute noch müssen wir alle uns schämen / Denn wir machen doch mit bei diesem schäbigen Spiel“.

Buch und Album fehlen an einigen Stellen der Feinschliff, die letzte, schärfende Redaktion, das musikalische Feindetail. Doch Weckers Ideen der Utopie und des Widerstands überzeugen, weil sie unverstellt sind, authentisch und leidenschaftlich. Schrift und Ton können Herz-Nahrung sein in diesen in der Tat stürmischen Zeiten.

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