Konstantin Wecker.
+
Konstantin Wecker.

Konstantin Wecker – „Jeder Augenblick ist ewig“

Vielsagende Mehrstimmigkeit

  • vonHans-Jürgen Linke
    schließen

Konstantin Wecker in einem spätsommerlichen Konzertmitschnitt.

Wie alle Solo-Selbstständigen hat auch Konstantin Wecker in diesen infektiösen Monaten nur einen kleinen Teil der geplanten öffentlichen Auftritte absolvieren können. Wenigstens aber hat es am 20. September geklappt. In einer Kooperation mit dem Wiener Theater im Park gab es in der optimal weiträumigen barocken Gartenanlage von Schloss Belvedere ein spätsommerliches Open-Air-Abendkonzert. Burg-Schauspielerin Dörte Lyssewski und der Autor und Schauspieler Michael Dangl haben beseelte Rezitationen von Weckers Gedichten und kurzen Prosa-Stücken beigetragen. So wurde dieser Abend eher zu einem literarischen Ereignis als zu einem bloß konzertanten – also einer durchaus hybriden beziehungsweise doppelt attraktiven Angelegenheit in bester deutscher Liedermacher-Tradition.

Die Doppel-CD mit dem Konzert-Mitschnitt trägt den gleichen Titel wie der summarische Band mit Weckers Gedichten, „Jeder Augenblick ist ewig“. Das Album ist erstaunlich schnell produziert worden; es umfasst 57 Stücke, die insgesamt eine Tour d’horizon von Konstantin Weckers Welt ergeben; nur zwei Texte, die auf dem Album vorkommen, sind nicht von ihm.

Er selbst erzählt im Konzert von seinen Einflüssen und Anfängen, von Georg Trakl, Georg Heym oder Bert Brecht. Lyssewski und Dangl machen mit ihren Rezitationen diese Einflüsse plausibel. Ihre Text-Auswahl verrät eine profunde historische und stilistische Wohlvertrautheit mit Weckers Werk. Die Abwechslung zwischen Rezitationen und gesungenen Stücken, bei denen Wecker sich am Klavier wie üblich selbst begleitet, ist dramaturgisch geschickt gebaut und fügt sich zu einer vielsagenden Mehrstimmigkeit.

Das Album

Konstantin Wecker: Jeder Augenblick ist ewig. 2 CDs, Sturm & Klang Musikverlag.

Und eine andere Tonlage

Es ergibt sich eine stringente biografische Linie. Im ersten Drittel des Konzerts stehen die lyrischen Selbstbespiegelungen, die dialektischen Sprachfiguren, die politisch pointierten Aphorismen, die bedeutungstragenden Referenzen, die melancholisch-analytischen Weltbeschreibungen und die politischen Pathos-Gesten im Zentrum, also das, wofür Wecker populär wurde. Dörte Lyssewski und Michael Dangl finden als Sprecher immer noch eine andere Tonlage, so dass der manchmal etwas eintönige Wecker’sche Oh-Mensch-Gestus und die tenoral geknödelte Weltanklage nicht die beherrschenden Stilmittel des literarischen Konzerts sind.

Auf der zweiten „Jeder Augenblick ist ewig“-CD geht es distanzierter und weiträumiger zu. Momente der Selbstreflexion verstärken sich. Es gibt harschere Klangfarben in der Lyrik, es gibt post-dadaistische Wortspielereien, Pathosformeln – „Wut und Zärtlichkeit“, „Den Parolen keine Chance“ – werden von Zwischentönen angereichert.

Ein großer Abschnitt der zweiten Konzerthälfte ist stark autobiografisch eingefärbt. Konstantin Wecker rückt, ohne seine Grund-Sentimentalität preiszugeben, sich selbst ein Stück näher und schiebt die Welt dabei nicht in die Ferne. Die Eltern („Als wir beim Falkner waren“, „Niemals Applaus“, „Mutter“), die Oma und die eigenen Kinder werden zu Adressaten der Lieder beziehungsweise zu Anlässen, Metaphern für Gefühle zu finden. Das alles vermittelt eine sympathische Nahbarkeit und Authentizität.

Leider klingt auf dem gesamten Album das Klavier sehr elektrisch und recht dünn. Aber die ständige Präsenz eines in der Fläche verteilten Publikums macht diesen Mangel durch eine sehr spezielle Corona-Konzert-Atmosphäre wett.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare