Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Udo Lindenberg mit seinem Denkmal in seiner Heimatstadt Gronau.
+
Udo Lindenberg mit seinem Denkmal in seiner Heimatstadt Gronau.

Udo Lindenberg: „Stärker als die Zeit“

Konsequent klebriger Konfektionsklang

Leider nicht cool, sondern eher rundum ein radiotauglicher, verwechselbar konturloser und konsequent klebriger Konfektionsklang: Udo Lindenbergs neues Album „Stärker als die Zeit“ erscheint am Freitag.

Von Jens Balzer

Er möchte, dass wir traurig sind, wenn er einmal stirbt. Versprochen! Udo Lindenberg feiert im kommenden Monat seinen 70. Geburtstag und hat aus diesem Anlass schon einmal seine eigene Beerdigungsmusik komponiert. „Ich seh die Flaggen schon überall auf Halbmast hängen / und die Kanzlerin kniet nieder und fängt an zu flennen“, singt er in seinem neuen Stück „Wenn die Nachtigall verstummt“.

Mit der Nachtigall meint er natürlich sich selber: „Ist die Nachtigall verstummt“, lautet es dann im Refrain, „geht ganz Deutschland schwer vermummt / um zu trauern und zu weinen“, dazu spielt eine Rentnerband einen schunkelnden Rhythmus, wie er in den siebziger Jahren in Hamburg-Eppendorf im Onkel Pö populär war, wo Lindenberg seine Karriere als Jazzrockschlagzeuger begann; in dem Lied „Alles klar auf der Andrea Doria“ hat er diese Episode bekanntlich verewigt.

Das war 1973 und ist jetzt also 43 Jahre her. Auf seinem neuen und nunmehr 36. Album „Stärker als die Zeit“, das am heutigen Freitag veröffentlicht wird, blickt Udo Lindenberg auf seine Karriere und sein irdisches Dasein zurück und bietet in fünfzehn Liedern einen Nachruf zu Lebzeiten auf sich selber.

Er bedankt sich bei denen, die mit ihm „Durch die schweren Zeiten“ gegangen sind – so der Titel des Eröffnungsstücks. Er beteuert, den Weg des „Desperado“ auch auf der letzten Etappe noch fortsetzen zu wollen. Er bedankt sich des Weiteren bei seinem „Body“ dafür, dass er trotz allen Missbrauchs so lange mitgemacht hat; er schwört alle „Udonauten“, die so crazy wie er sind, auf den familiären Zusammenhalt ein, und blickt in „Muss da durch“ schließlich dem Tod ins Auge: „Eine dunkle Wand und ein Riss geht durch die Zeit / Und dann ist’s vorbei mit der Unsterblichkeit“. In den letzten Akkord des letzten, titelgebenden Stücks auf dem Album, das zur Erkennungsmelodie des Films „Der Pate“ gesungen wird, bimmelt schließlich eine einsame Kirchenglocke hinein wie bei einer Beerdigung.

Eine ganze Kohorte an Autoren, Komponisten und Produzenten hat an diesem demonstrativ intim und persönlich daherkommenden Album mitgewirkt. Zum Beispiel Andreas Herbig, der schon Lindenbergs letzte Platte „Stark wie zwei“ aus dem Jahr 2008 produzierte und ansonsten den schläfrigen Schmusesoul von Ich+Ich zu verantworten hat und die Wir-sind-wieder-wer-Bierzeltmusik von Andreas Bourani („Auf uns“).

Oder Peter „Jem“ Seifert, der auch noch für Jennifer Rostock, Nena und Juli gearbeitet hat; Ali Zuckowski, der zuletzt das furchteinflößende „Muttersprache“-Geknödel von Sarah Connor produzierte; oder auch Simon Triebel, der als Gitarrist von Juli und Produzent von beispielsweise Tim Bendzko und Mark Forster eine der zentralen Figuren der aktuellen Bausparvertrags-Neospießer-Gefühligkeitspopmusik ist.

Formelhaft und vorhersehbar

Sie alle gemeinsam haben für das Album einen professionellen, rundum radiotauglichen, aber darin eben auch – man kann es nicht anders formulieren – verwechselbar konturlosen und konsequent klebrigen Konfektionsklang erschaffen, der wenigstens bei mir schon nach zweimaligem Hören das dringende Bedürfnis nach dem Besuch eines Hals-Nasen-Ohrenarztes erzeugt. Fast alles bewegt sich in mittlerem Tempo voran, und fast alles ist formelhaft und vorhersehbar.

Das beginnt mit dem Aufbau der Balladendramaturgien, etwa in „Durch die schweren Zeiten“ – erst hört man eine Melancholie erzeugende Akustikgitarre mit leichtem Hall, dann kommen kraftspendende Klavier-und Schlagzeugbeigaben hinzu und schließlich im zweiten Refrain kremig gestrichene tränendrüsendrückende Streicher – und reicht über die glattgeschmirgelten Blues-Akkord-Progressionen in „Einer muss den Job ja machen“ inklusive handelsüblichem Solo zum Schluss bis zum Spielmannszug-Schlagzeug-trifft-Ennio-Morricone-Mundharmonika-Duett in dem Selbsterkundungs-Western-Stück „Eldorado“.

Das ist so schade, dass die Musik so schlecht ist! Nicht nur, weil sie einem die Gefühle der Rührung verdirbt, die man angesichts der von Lindenberg vorgetragenen Lebensrückblicke zu empfinden ja durchaus bereit wäre. Sondern weil der seifige Sound gerade die inneren Risse verschmiert, die ihn als Figur interessant und eigentlich auch erst erträglich gemacht haben. In den guten Momenten seiner Karriere changierte Udo Lindenberg stets zwischen der Inszenierung als authentischem Typen und Selbstkarikatur, zwischen ernsthaftem Nicht-identisch-sein-wollen mit der Welt und den irreduzibel peinlichen Posen des genuin nicht ernstzunehmenden Berufsjugendlichen.

Gerade dieser Mut zum riskanten Umgang mit der eigenen Identität geht der Musik auf der neuen Platte aber vollständig ab. „Stärker als die Zeit“ ist auch kein Aufbruch zu neuen Ufern im Angesicht der Endlichkeit wie – da Lindenberg sich gern mit den Größten misst, muss dieser Vergleich statthaft sein – David Bowies „Blackstar“ einer gewesen ist. „Stärker als die Zeit“ bietet bloß Malen-nach-Zahlen-Balladen, in denen die durch Ambivalenz überhaupt erst möglich gewordene Größe von Udo Lindenberg in tragischer Art zur öden Pose eines von sich selbst gerührten Rockrentners schrumpft.

Udo Lindenberg: Stärker als die Zeit. Warner.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare