Der Dirigent und Komponist Hans Zender.
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Der Dirigent und Komponist Hans Zender.

100 Mal „Happy New Ears“

„Komponisten werden heute in nie dagewesener Weise vernachlässigt“

  • vonStefan Schickhaus
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Hans Zender über die Frankfurter Reihe „Happy New Ears“ und den Umgang mit neuer Musik im Konzertbetrieb.

Herr Zender, als Sie 1993 gemeinsam mit dem Ensemble Modern in Frankfurt die Reihe „Happy New Ears“, also moderierte Konzerte mit zeitgenössischer Musik und Gesprächsgästen, ins Leben gerufen haben: Gab es da so etwas ähnliches bereits auf dem Markt? Gab es Vorbilder? Und wie sieht es heute aus?
Es gab eben keine Reihe – und meines Wissens gibt es sie bis heute nicht –, in der die Möglichkeit geboten wird, sich nur mit einem Stück einen ganzen Abend zu beschäftigen, sodass man in ein Werk wirklich eindringen kann. Sehr häufig beschweren sich die Hörer Neuer Musik darüber, dass sie in so kurzer Zeit soviel Neues nicht verarbeiten können. Ich hatte deswegen in meinen früheren Chefdirigenten-Tätigkeiten in Kiel, Saarbrücken und Hamburg regelmäßig öffentliche Proben für das moderne Stück meines jeweiligen Konzertprogramms angeboten. Für „Happy New Ears“ entwickelte ich mit dem Ensemble Modern ein Modell, das grundsätzlich nur von einem Stück ausging, das an einem Abend geprobt – und zwar manchmal sogar zum ersten Mal – und am Ende des Konzertes in einer möglichst perfekten Konzertaufführung zu hören war.

Es gibt auf dem „Happy New Ears“-Podium nicht nur Komponisten und Dirigenten im Gespräch, sondern auch Gäste von außerhalb, unter ihnen waren zum Beispiel Edgar Reitz und Robert Gernhardt. Oder ein Architekt und ein Ornithologe. Sind solche Externe womöglich sogar die besseren Brückenbauer hin zum Publikum?
Während der verlängerten Orchesterpause findet ein Gespräch möglichst zwischen dem Dirigenten und dem Komponisten des Werkes statt, zu dem dann noch ein externer Gast geladen wurde. Dieser Gast sollte einen besonderen Bezug zu einem Aspekt des aufgeführten Werkes aus seiner fachlichen Sicht herstellen. So wurde der Ornithologe zu dem Messiaen-Konzert eingeladen, oder Robert Gernhardt zu dem kabarettistisch angelegten „Musique pour les Soupers du Roi Ubu“ von Bernd Alois Zimmermann. Bis zu meinem Wegzug aus Frankfurt fanden alle Konzerte in dieser Weise statt.

Zur Musik kommt das Podiumsgespräch. Heißt das: Wer mehr weiß, hört auch besser?
Nein, das würde ich niemals so sagen. Für mich bleibt die unmittelbare Begegnung mit dem musikalischen Werk – auch die erstmalige, noch völlig unreflektierte – die entscheidende. Was man an Informationen dazugibt, soll nur der Vertiefung dieses Erlebnisses und vielleicht der besseren Gewöhnung an den spezifischen Klang des Werkes dienen. Es geht hier nicht um Wissen oder gar intellektuelle Bildung, sondern um ganzheitliches, also auch affektives Erleben. Man muss einem Werk ja nicht immer zuerst in perfekter Ganzheit begegnen, vielmehr kann man auch in einer Begegnung von noch unfertigen Teilen des Stückes das Werk erfahren.

Sind Komponisten gute Gesprächspartner, wenn es um ihre Musik geht?
Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt unter ihnen die Euphoriker und die Eitlen, aber auch die Selbstkritischen oder Depressiven. Manche sind wortgewandt, manche sind es nicht.

Sie selbst waren regelmäßig als Komponist und/oder Dirigent mit an den Konzerten beteiligt. Wie hat sich die Reihe verändert im Laufe der fast 25 Jahre?
Ich habe das nicht im Einzelnen verfolgt, freue mich aber unendlich, dass sich die Reihe so erstaunlich lange hält. Das ist das große Verdienst des intelligenten Frankfurter Publikums.

Welches Konzert war für Sie das geglückteste?
Wir hatten einen sehr glücklichen Auftakt dieser Konzertserie mit der 1. Kammersinfonie von Arnold Schönberg unter Beisein von Nuria Schönberg. Sie vertrat damals in einer Person den Komponisten und den externen Gast.

Ende Februar findet die 100. Veranstaltung der Reihe statt. Werden irgendwann die Komponisten ausgehen?
Das ist zu befürchten, da die Komponisten heute von den für die musikalische Öffentlichkeit Verantwortlichen in einer nie dagewesenen Weise vernachlässigt werden, sodass für die Kontinuität unserer Musikkultur sich kaum eine Existenzmöglichkeit mehr entwickeln kann. Denn musikalische Kultur lebt von der Wiederbegegnung und Neuverarbeitung einmal vernommener Werke. Ohne Gedächtnisbildung keine Geschichte!

Wie ist das nun mit den „Glücklichen Ohren“, die John Cage seinen Studenten wünschte und damit ein geflügeltes Wort prägte? Ist das Ohr im Vergleich zum Auge nicht eher „unhappy“, weil es sich schwerer tut, Muster zu erkennen? Und abhängig ist von der Zeitdauer des Hörbaren. Sie haben 1994 geschrieben: „Streng genommen kennt das Ohr überhaupt keine Identität, da die Zeit in jedem Moment die ganze Welt verändert.“
Die Kraft musikalischer Gedanken zeigt sich gerade an den Schneisen, die sie in unser Gehirn brechen, an der Signifikanz der neuen Wege, die sie zeigen. Das träge Ohr lernt vor allem durch das Erleben des Unerwarteten.

Interview: Stefan Schickhaus

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