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Knut Kiesewetter ist tot, hier ist der nordfriesische Musiker und Liedermacher 1975 zu sehen.

Nachruf Knut Kiesewetter

Knut Kiesewetter ist tot

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Die Macht im Staat und der Friesenhof: Zum Tod Knut Kiesewetters, der politischer Songwriter wie auch Pionier der norddeutschen Volksmusik war.

Das Original ist auch ganz hübsch, aber eigentlich ist die deutsche Version von „Yesterday“ ja viel schöner; sie heißt „Gestern noch“ und erschien 1965 als Single: „Gestern noch“, singt ein junger norddeutscher Barde mit einer leicht heiseren, schön melancholischen Stimme, „war die Welt für mich so wunderschön / und ich glaubte, dieser Augenblick / von großem Glück / könnt’ nie vergehen.“

Der junge Mann, der da so liebe- und kunstvoll die Beatles interpretierte, heißt Knut Kiesewetter, und er stand Anfang der 60er Jahre tatsächlich mit ihnen auf einer Bühne. Geboren 1941 in Stettin und aufgewachsen auf der nordfriesischen Halbinsel Eiderstedt, begann Kiesewetter seine musikalische Karriere als Jazz-Posaunist; eines seiner ersten Konzerte gab er 1960 im Indra Club an der Großen Freiheit in Hamburg – mit den Beatles. In den 60er Jahren war Kiesewetter vor allem als Jazzmusiker tätig, er spielte mit Rolf Kühn und Joe Zawinul, Dizzy Gillespie und Chris Barber; er sang aber auch in einem Gospel-Chor und hatte mit Liedern wie „Komm aus den Federn, Liebste“ (1966) Hitparadenerfolge.

Gegen Ende des Jahrzehnts wandte er sich zusehends dem politischen Liedgut zu. 1969 entdeckte er den jungen Kommunarden und Kommunisten Hannes Wader und finanzierte sein Debüt „Hannes Wader singt…“. Auch brachte er ihn bei der Plattenfirma Phillips unter.

In erstaunlicher, wenn auch für die frühen 70er nicht ungewöhnlicher Weise betätigte sich Kiesewetter fortan gleichzeitig als Blödelbarde und politischer Sänger, er spielte reihenweise Witzplatten ein, nahm aber mit „Stop! Watch! And Listen!“ (1970) auch ein Album mit Jazz- und Blues-Standards auf, das ihn auf der Höhe seiner Gesangskunst zeigte. Er spielte mit dem Schlagzeuger Udo Lindenberg und – dem später als Gottlieb Wendehals berühmt gewordenen – Werner Böhm in dessen Jazz-Quintett, brachte aber 1973 mit „Die Macht im Staat“ auch ein eindrückliches Stück über das Scheitern der 68er-Bewegung heraus.

Danach begann jene zweite Karriere von Kiesewetter, mit der man seinen Namen bis heute wohl am ehesten verbindet. Auf seinem erfolgreichsten Album „Leeder vun mien Fresenhof“ (1976) sang er seine Songs und Balladen erstmals durchweg in plattdeutscher und friesischer Sprache und wurde damit zum Pionier volkstümlicher norddeutscher Musik. Doch anders als seine Nachfolger und Epigonen, blieb er auch als Mundart-Traditionalist ein politischer Sänger und stilistisch vielfältiger Komponist; bei ihm erhielt man eine Ahnung davon, wie eine deutsche Folkmusik klingen könnte, die sich nicht aufs jovial Volkstümliche beschränkt. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Knut Kiesewetter wieder auf Eiderstedt. Dort ist er am Mittwoch im Alter von 75 Jahren gestorben.

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