Drei Baritone

Kluge Liedgestalter auf profunder Basis

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Drei Baritone, drei großartige Alben: Andrè Schuen widmet sich Schubert, Christoph Prégardien Bach und Telemann, Holger Falk singt Eisler.

Tenöre sind die Helden des Gesangs, dafür haben die Baritone den Ruf des Intellektuellen. Tiefer, tiefsinniger, substanzieller. Für die drei Baritone, die jetzt neue CDs vorgestellt haben, kann man das jedenfalls unterschreiben. Sie sind kluge Gestalter mit profunder Basis. Die drei Tenöre füllten einst große Stadien, die drei Baritone hier sprechen deutlich andere Regionen an.

Schuberts Wanderer Das ist nun fast schon altmodisch: ein Album nur mit Schubert-Liedern. So etwas trauen sich heute nur wenige Liedsänger. Für Andrè Schuen aber, den jungen Bariton aus Südtirol, ist Franz Schubert „der zentrale Komponist der Gattung Lied“. Und dabei „sehr heikel zu singen“. Er habe das Gefühl, „dass man hier schnell interpretatorisch übers Ziel hinausschießen kann, dass man sehr schnell zu dick aufgetragen hat“. Man muss aber nun nicht Sorge haben, Schuen halte sich zurück. Im Gegenteil: Er formt, er artikuliert, er gestaltet herrlich abwechslungsreich. Man muss sich nur die Strophenlieder dieser CD anhören, etwa „Der Schiffer“: Keine Strophe gleicht der anderen, ja selbst einzelne Worte werden plastisch. Etwa in der Zeile „Dem Sturme zu trotzen mit männlicher Brust“: Das „Männliche“ bekommt da eine ganz besondere, hohle Note, ein Aufpumpen, dicke Backe.

Andrè Schuen hat aber auch einen unschätzbaren Vorteil: Er darf ein nachgerade ideales Stimmmaterial sein eigen nennen. Dieser dunkle, unangestrengte Bariton gehört zum Schönsten, was man derzeit hören kann, es ist eine uneingeschränkt herrliche Stimme. Das CD-Programm, das er mit seinem Klavierpartner Daniel Heide zusammengestellt hat, dreht sich um das Thema „Wandern“ – was im Grunde nicht sehr originell ist, aber immer gut trägt. Gewandert wird zur Geliebten, ganz romantisch-melancholisch durch die Natur oder Richtung Tod, wobei „Totengräbers Heimweh“ ein viel zu selten gehörtes unter den besten Schubert-Liedern ist. Die Tempi sind äußerst getragen, Schuen lässt sich Zeit. Stimme und Gestaltung geben das allemal her.

Bachs Vermittler Was Placido Domingo kann, kann Christoph Prégardien schon auch. Eine lange Karriere als lyrischer Tenor – und zwar als ganz wunderbarer, seine rund 100 Alben sind Schätze – hat der Sänger aus Limburg hinter sich, jetzt startet er eine neue als Bariton. Die erste Aufnahme des 62-jährigen Christoph Prégardien zeigt ihn nun in einem Fach, in dem er sich meisterhaft auskennt: Er singt Kantaten von Telemann und Bach, darunter die berühmte Kreuzstab-Kantate BWV 56. Sein Bariton hat dabei die gleichen Qualitäten, die früher auch den Tenor ausgezeichnet haben. Da ist zum einen diese enorme Natürlichkeit und Schlichtheit seines Singens: Nie muss er forcieren, nie Druck machen, es strömt einfach dahin. Zum anderen ist Prégardien auch in der tieferen Lage der wissende Säger, der Vermittler, der Rhetoriker. Da stimmt jede Phrasierung, da wird jede Textebene ganz plastisch ausformuliert. Diese Innigkeit geht ans Herz, berührt ganz direkt. Begleitet wird der Neubariton bei diesem Livemitschnitt vom „Vox Orchester“, einem von Lorenzo Ghirlanda geleiteten Alte-Musik-Ensemble, das seinem Namen alle Ehre macht. Denn: Wer sich fragt, wer den Schlusschoral „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder“ der Bach-Kantate singt, weil im Booklet nichts dazu zu finden ist, dem sei gesagt: Das sind die jungen Orchestermusiker selbst. Christoph Prégardien hat den Choral mit ihnen einstudiert. Er ist ja nicht umsonst auch Pädagoge.

Eislers Botschafter „Mensch, dachte ich, gutes Zeug, kennt kaum einer“ – im FR-Interview hat der Frankfurter Bariton Holger Falk vor einem knappen Jahr erzählt, wie ihm als Student die Eisler-Gesamtausgabe in die Hände gefallen ist. Vor zehn Jahren hatte er dann erste Konzerte mit Liedern von Hanns Eisler gegeben, mit dem Pianisten Steffen Schleiermacher, der ein ganz vorzüglicher ist für diese Musik. „Und irgendwann habe ich zu ihm gesagt: ‚Steffen, wir werden diesen Planeten nicht verlassen, bevor wir eine Eisler-Kompletteinspielung gemacht haben.‘“ Die erste Folge mit Eisler-Lieder und -Balladen hat 2017 den Preis der deutschen Schallplattenkritik zugesprochen bekommen, jetzt ist das dritte Album erschienen. Darauf nicht weniger als 53 Lieder, die meisten zwischen einer und zwei Minuten lang. Rund 500 Lieder hat Eisler komponiert, einige – etwa das „Solidaritätslied“ oder das „Einheitsfront-Lied“ – haben es zu großer Popularität gebracht.

Auf der dritten Scheibe jetzt findet sich unter anderem der „wohl bedeutendste Liederzyklus des 20. Jahrhunderts“, so die Einordnung des versierten Booklet-Autors Schleiermacher: das „Hollywooder Liederbuch“. Aber auch das „Lied einer deutschen Mutter“, 1943 gedacht für geplante „Kurzwellensendungen nach Deutschland“, gehört zum Programm dieser CD, die Eislers Jahre im US-Exil thematisiert.

Worüber man bei Holger Falk, einem Spezialisten für Neue Musik, immer wieder staunt: Sein Bariton ist makellos schön und klar, er singt vorbildlich textverständlich und ausdrucksstark. War das erste Album der Gesamteinspielung Stoff für Freunde des politischen Lieds (und auch der DDR-Nationalhymne), dürfte dieses dritte mehr Verfechter der aphoristischen Kürze bei größtmöglicher Verdichtung ansprechen, öfters freitonal oder auch zwölftönig als im früheren Eisler’schen Volksliedton gehalten. Nichts mehr für die Marschbeine, nurmehr für den Kopf.

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