1. Startseite
  2. Kultur
  3. Musik

Im kleinen Grauen von Coco Chanel

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Die Alte Oper Frankfurt.
Die Alte Oper Frankfurt. © Alex Kraus

Unaufgeregt, sachlich getragen: Das Museumsorchester mit der Geigerin Tabea Zimmermann in der Alten Oper Frankfurt.

Von Bernhard Uske

Ein Programm der Homogenität, nicht nur was die Kontur, gewissermaßen die Kostümierung der Werke, sondern auch ihren Schnitt und das Farbklima anbelangt, bot das 9. Museumskonzert im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt. Bliebe man bei einer Bekleidungstheorie der Musik, so müsste man Attribute wie klassisch-elegant verwenden und von Coco Chanel, aber nicht von Vivienne Westwood reden. Jedoch: kleines Schwarzes trifft nicht, was Paul Hindemith 1936 mit seiner „Trauermusik für Viola und Streichorchester“ schrieb und was eher als kleines Graues zu bezeichnen wäre. Auf jeden Fall anlassbedingte, gedeckte Klangoberflächen mit feiner Gewebestruktur zum Tode von King George V. – ein kompositorischer Schnellschuss, der schon einen Tag nach dem Ableben des Monarchen uraufgeführt wurde. Neo-klassisch in dem un-ironischen Sinn, den des Deutschen Zugriff auf Vergangenes immer von dem eines Strawinsky etwa unterschied.

Wunderbar der durch das Klangtextil laufende Faden des Solo-Instruments, für dessen unaufgeregte, sachlich getragene Fasson Tabea Zimmermann verantwortlich war. Die 50-Jährige bekleidet seit 2002 eine Professur in Berlin und gilt als führende Vertreterin ihres Instruments weltweit. Perfekt war sie abgestimmt auf den zarten und doch fest gebauten Körper des Tuttis, bei dem unter der Leitung Sebastian Weigles alle Tränendrüsenaktivität unterblieb. Ein Klangprospekt, der zweifellos Hindemiths objektivierendem Formbewusstsein entsprach.

Zweifeln konnte man, ob die Fortsetzung dieses Musizier-Duktus bei William Waltons „Konzert für Viola und Orchester“ angemessen war. So ebenmäßig und schön räsonierend, fest und klar Zimmermann wieder ganz in Eintracht mit dem Orchester das Werk von 1929 spielte; auch mit all den virtuosen Verdichtungen in den beschleunigten Partien: Man hatte den Eindruck, dass hier die akademische Korsettstange die beweglichere Faktur mit vielen Charakteren eines belebten Neo-Romantizismus etwas zu ebenmäßig und zu wenig virulent erscheinen ließ.

Die erste sinfonische Kreation von Johannes Brahms aus seiner romantisch-klassischen Kollektion, die den Hamburger in Wien zum Solitär machte, schloss die Programmfolge. Das Museumsorchester war ein nahezu perfekter Klangkörper in allen Formaten. Herrlich die gedeckten Farben der weit auslaufenden melodischen Musterentwicklung und zuletzt das schwere Gewebe mit starken Randnähten und Rhythmus in den reich bestückten Knopfleisten.

Auch interessant

Kommentare