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Ich bin "ein einfacher Handwerker. Ich hasse Leute, die sich etwas darauf einbilden, einen berühmten Namen zu tragen", stellt Charles Aznavour klar.

Charles Aznavour

Das Kleine in allen Dingen

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Der die Verzweiflung populär machte: Zum Tod des großen Chansonniers Charles Aznavour.

Moment mal“, unterbricht der kleine, schmale Mann den Interviewer. „Ich bin nicht ,der große Charles Aznavour‘. Ich bin Charles Aznavour, das genügt. Ein einfacher Handwerker. Ich hasse Leute, die sich etwas darauf einbilden, einen berühmten Namen zu tragen. Warten wir mal ab, wie lange der Ruhm hält.“ Ein paar Minuten zuvor, als der kleine Mann dem Journalisten in einem Pariser Hinterhof unweit des Arc de Triomphe die Hand gereicht hatte, wirkte er noch furchtbar zerbrechlich, als könnte ein Windhauch ihn hinwegfegen. Man hatte Angst, seine Hand zu fest zu drücken. 

Trotz seiner 94 Jahre singt Charles Aznavour damals weiterhin auf den Bühnen der Welt, in Prag und in Perth, in Tokio und Santiago de Chile. Im Sommer will er wieder nach Deutschland kommen, also empfängt er die Presse und beantwortet die Fragen, die er schon seit Jahrzehnten beantwortet. Und erregt sich trotzdem bereits bei der ersten Erwähnung seines unbestrittenen Status als lebende Legende. Jetzt versteht man, woher der alte Mann seine Energiereserven schöpft. 

Edith Piaf bringt Aznavour ins Moulin Rouge

Doch auch die sind nicht unendlich. Das für den August geplante Konzert im Schatten des Kölner Doms muss er absagen, bei einem Sturz hat er sich den Oberarm gebrochen. Deutschland wird ihn nicht mehr wiedersehen. Jetzt vermisst ihn Frankreich und mit Frankreich die ganze Welt. Im Alter von 94 Jahren ist Charles Aznavour, Sänger, Songschreiber und Schauspieler, im südfranzösischen Alpilles gestorben. Das teilten seine Pressesprecher am Montag mit. 

Er wollte nicht als „der Große“ betitelt werden, weil die Welt so lange gebraucht hatte, seine Größe zu erkennen. Lange genug, so dass der Sohn eines armenischen Künstlerpaares, welches sich vor dem Völkermord ins Pariser Quartier Latin retten konnte, lernte, den Launen des Ruhms zu misstrauen. 

Alle zwei Wochen mieten seine verarmten Eltern ein Theater, in dem sie für andere Emigranten singen und spielen und auch ihr Sohn – Schahnur Waghinak Asnawurjan heißt er bei seiner Geburt – steht schon mit neun Jahren auf der Bühne, in einer Dramatisierung von Erich Kästners „Emil und die Detektive“. 

Als aus der Schauspielerei nichts wird, versucht sich Aznavour als Tänzer, schließlich bildet er ein Gesangsduo mit Pierre Roche. Der ist ständig auf der Suche nach neuen Liedern und lacht seinen Partner aus, als der frech behauptet, dass es nicht so schwierig sein könne, sich zwei Strophen und einen Refrain auszudenken. So schreibt Charles Aznavour sein erstes Chanson aus Trotz und schreibt trotzig immer weiter, bis ans Ende seines Lebens. Mehr als 1300 Lieder werden es schließlich gewesen sein. „Geschichten finden Sie überall“, sagt noch der 94-Jährige im Interview, „Sie müssen sie sich nur nehmen.“ 

Als eine der ersten wird Edith Piaf auf den Autodidakten aufmerksam, ermutigt ihn, seine eigenen Stücke zu singen, nimmt ihn mit auf Tour, lässt ihn ihre Konzerte im Moulin Rouge eröffnen. Die Kritiker verreißen den kleinen Mann. Er näsele, sein Gesang klinge heiser, außerdem sei er hässlich und singe auch nur über hässliche Dinge. 

Dass man über alles schreiben, von allem singen kann, auch und gerade über die dunklen Seiten des Lebens, hat Charles Aznavour von Louis-Ferdinand Célines Roman „Reise ans Ende der Nacht“ gelernt, den er eines Tages in der Auslage einer Buchhandlung entdeckt hatte. Zwar sind auch die meisten seiner Lieder, wie so viele, Liebeslieder. Doch singt er über die Lust an der Lust und über den Überdruss, wenn die Partnerin sich gehen lässt – „Mit deinen unbedeckten Knien, wenn deine Strümpfe Wasser zieh’n“. Er singt von der Einsamkeit des Transvestiten: „Der Spott, die Anzüglichkeiten/ Sie lassen mich kalt/ Ich bin ein Mann, oh! Genau, wie sie sagen.“

Plötzlich wird er Nationalsymbol

Er hat die Verzweiflung populär gemacht, wird Jean Cocteau später über Charles Aznavour sagen, als der endlich selbst populär ist. Den späten Durchbruch bringt ausgerechnet ein Chanson über einen gescheiterten Sänger, „Je me voyais déjà“. Er habe alles versucht, um herauszustechen, bekennt Aznavour in dieser Rolle, und sei doch im Schatten geblieben: „Das ist nicht meine Schuld, sondern die des Publikums, das nichts verstanden hat.“

Das ist im Jahr 1960, Aznavour ist schon 36 Jahre alt, und noch im gleichen Jahr gelingt ihm noch ein zweiter Durchbruch, der als Schauspieler. François Truffaut gibt ihm die Titelrolle in seinem melancholischen Gangsterfilm „Schießen Sie auf den Pianisten“. Viele große Leinwandauftritte, etwa bei Chabrol oder Schlöndorff, folgen. 

Plötzlich lieben die Menschen Charles Aznavour, er verkauft 200 Millionen Tonträger, den Franzosen gilt er als Nationalsymbol und ebenso den Armeniern, als deren Schweizer Botschafter er fungiert. Und irgendwann ist er der Letzte seiner Generation, hat er die Piaf und Chevalier, Charles Trenet und auch Frank Sinatra überlebt und das 21. Jahrhundert kennt keinen großen Entertainer mehr, außer ihm, der er doch immer nur von den kleinen Leuten, den kleinlichen Gefühlen und der Traurigkeit, die allen Dingen innewohnt, gesungen hat. 

„Ich höre den Leuten zu, ihren traurigen oder lustigen Geschichten“, sagt Charles Aznavour am Ende des Gesprächs in einem Pariser Hinterhof. Über sich selbst habe er nur ein einziges Mal gesungen und das Lied dann schlicht „Autobiographie“ genannt. 

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