Oper Frankfurt mit "Broucek"

Kleinbürger auf Flügeln

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Die Oper Frankfurt mit Janáceks selten gespielter Oper "Die Ausflüge des Herrn Broucek".

Herbert von Karajan wurde dafür gerühmt - und er rühmte sich dessen -, dass er auch zwölftönige Werke der Schönbergschule zu angenehmem, quasi konsonantem Wohlklang zu bringen wusste. Mit einem umgekehrt alchimistischen Impetus richtete es Leos Janácek so ein, dass seine Tonsprache, eine nach wie vor an Tonarten gebundene und in ihren Tonverbindungen nicht gänzlich neuartige, dennoch kühn, spröde, hart, attackierend, unverbraucht und persönlich wirkte. Elemente seiner eigenwilligen Intonation sind vor allem eine antiromantisch-konturscharfe Klanggestaltung, eine Formgebung aus engmaschig zusammengesetzten Kleinmotiven und eine aus dem Sprechduktus heraus entwickelte Vokalmelodik.

Viel Zeit brauchte Janácek, um seinen besonderen Ausdrucksstil auszubilden, und dazu war nicht nur die intime Kenntnis etwa der Partituren Wagners, Puccinis und der unmittelbar zeitgenössischen Moderne vonnöten, sondern auch die eindringliche Erforschung des "Volksvermögens" seiner tschechischen (genauer: mährischen) Heimat. Kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende war die Bauerntragödie "Jenufa" als erstes Meisterwerk entstanden. Mit ihren zum Teil großflächig-pathetischen und hymnischen Aufbäumungen war das gewissermaßen noch eine "richtige" Oper, nicht sehr weit vom Verismo entfernt. Die in schneller Folge entstandenen Spätwerke von "Katja Kabanova" bis "Aus einem Totenhaus" entwickelten dann eine Tendenz zum Komprimierten, Zusammengepressten, Erratischen. Moderne Sprachempfindlichkeit führte da zu äußerster Verdichtung, wenn man will: zur konsequenten Abkehr vom konventionell opernhaften Gestus.

Auf dem Wege dazu sind die "Ausflüge des Herrn Broucek", an denen Janácek in den ersten beiden Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts sehr lange arbeitete, ein Übergangswerk, nicht frei von Unsicherheiten und dramaturgischen Ungeschicklichkeiten. Zugleich gehört dieses Stück zu den frappierend extravagantesten Sujets, mit denen Janáceks Opern-Oeuvre sich in die Weltmusik einschrieb. Die Geschichte vom Prager Spießer und Hausbesitzer Matej Broucek, der sich im Suff auf Traumreisen zum Mond und ins hussitische Prag des frühen 15. Jahrhunderts aufmacht und dabei den (Anti-)Helden spielt, kann ohne Umstände mit den Abenteuern des Cervantes'schen Ritters von der traurigen Gestalt verglichen werden. Broucek, ein durchaus auch die ursprünglichen Absichten der Autoren überspringender Mythos: ein Kleinbürger, der Flügel bekommt und poetischen Ewigkeitsrang einnimmt.

Eine Reise in den Raum und eine in die Zeit: Mit diesem Abstraktionsrahmen wäre die Oper (sie hätte die exakte Kennzeichnung als "komisch-phantastisch" verdient, die Otto Nicolai seinen "Lustigen Weibern von Windsor" mitgab) ganz lapidar und nichtnaturalistisch aufschlüsselbar. Dem stehen allenfalls das "Atmosphärische" der Rahmenhandlung in der Prager Altstadt und ziemlich penible, für Nichttschechen kaum verständliche Geschichtsdetails aus den Hussitenkämpfen entgegen. Jedenfalls riskierte es der junge Hausregisseur Axel Weidauer nicht, die Bodenhaftung der utopischen Episoden ganz aufzugeben. Immerhin bevölkerte er die Mondszenen nicht mit neckisch-kindischem Ausstattungsplunder und hielt sich auch beim martialischen Prunk der Hussitenzeit zurück. Anläufe zu choreografisch ausziselierter Bewegungsregie verloren sich nach und nach, als hätte man ihrer Tragfähigkeit misstraut.

Sehr schlicht, aber recht praktikabel die Bildgestaltung von Moritz Nitzsche mit einem bühnenbreiten, raumtiefen Steg als Spielfläche. Zu den imaginären Reisestarts werden effektvoll die Tuchbedeckungen weggezogen. Das Mondterrain zeigt sich dann strahlend weiß, und der veritable Chor in Blau (Kostüme: Berit Mohr) agiert dann wie bei einer Eisrevue. Etwas weniger inspiriert gibt sich die Zeitreise, ebenfalls mit nur sparsamen Requisiten (Mondscheibe, Fahrrad, jetzt einer Kanonenkugel statt des anfänglichen Balls) und eher schwach akzentuierten Kostümen.

Broucek ist ja kein Historiker und kennt sich eben in der Optik der alten Zeiten nicht recht aus, und sowieso begegnet er dort wie auf dem Mond den Menschen aus dem Prager Alltag, etwa dem Liebespaar Mazal und Málinka (Carsten Süß, Juanita Lascarro), das an einer Stelle unisono einen betörend lyrischen Gesang anstimmt. Broucek, mit Behagen Sottisen gegen den Vegetarismus von sich gebend und einem ganz pragmatisch-duckmäuserischen Pazifismus huldigend, ist fast ständig auf der Bühne, ein molluskenhafter Mittelpunkt lustiger und lästiger Turbulenzen, die er wunsch- und alpträumend aus sich heraus spinnt. Der Charaktertenor Arnold Bezuyen füllte diese Figur mit Farbe und Leben.

War die Inszenierung immerhin ein Ansatz zum wünschenswerten interpretatorischen Durchbruch dieser liebenswerten Opernphantasmagorie, so erfüllte die musikalische Realisierung unter der liebevoll-aufmerksamen Leitung von Johannes Debus nahezu alle idiomatischen Ansprüche der schwierigen Partitur. Behutsamkeit verblieb nicht in Zaghaftigkeit; Wärme und Pointierung brachten die Musik zum Sprechen, zur sinnlichen Erscheinung jener die Realität überschießenden Ideen, die so leuchtend aus dem Rausch aufsteigen.

Oper Frankfurt: 1., 3., 8., 11., 16., 25. Mai. www.oper-frankfurt.de

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