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Julia Fischer startetet ihre internationale Karriere bereits in Jugendjahren. 2008 debütierte die Violonistin auch als Konzertpianistin und brachte u.a. den FR-Kritiker zu hymnischem Schwärmen.

Julia Fischer in Frankfurt

Die Klarheit und Ordnung der Dinge

Julia Fischer muss ihren Ton dafür nicht dick machen oder breit oder raunend. Ihr Pathos ist inwendig, fast entrückt und überdeckt nicht die Klarheit, die Ordnung der Dinge, die Bachs Musik kennzeichnet.

Von TIM GORBAUCH

Da sitzt sie nun also, das Wunderkind, die Jahrhundertgeigerin und jüngste Professorin der Republik, und will nichts anderes sein als Teil eines Ensembles. Um sie herum die Streicher der Academy of St. Martin in the Fields, ihr Herzensorchester seit Jahren.

Julia Fischer nimmt zunächst die Rolle der Konzertmeisterin ein, die das Orchester führt - einen Dirigenten braucht der Abend in der Alten Oper Frankfurt nicht, dessen Erlös der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft zu Gute kommt. Fischer gibt die Impulse vor, sie macht dabei nicht mehr als nötig, lässt ihren Körper sprechen, der seit je Teil ihres Spiels ist.

Benjamin Brittens Variationen für Streichorchester op. 10 werden so zur delikaten Folge klar gefasster Charakterstücke, verschattet, elegant, wehmütig, rau, direkt und im Finale, das grandios komponiert ist, auch groß und ausladend und zugleich immens zerbrechlich. Für keinen, weder für Fischer noch für die Academy of St. Martin in the Fields, ist es ein Problem, solche vermeintlichen Gegensätze zusammen zu denken.

Fischer ist ohnehin nicht in der Lage, auf Sicherheit zu spielen, obschon ihre überragende Technik immer den Eindruck vermittelt, nichts könne ihr etwas anhaben. In Bachs Violinkonzerten, in denen sie dann doch als Solisten das exponierte Zentrum bildet (und zugleich dennoch stets nach Einbindung ins Orchester sucht), ist das wunderbar zu hören. Sie sucht keine extremen Tempi, die Ecksätze wirken fast unspektakulär, ganz auf musikalische Bewegung ausgerichtet. Aber in den Mittelsätzen schürft sie nach verborgenen Räumen abseits der brillant schimmernden Oberfläche.

Wie so oft schließt sie zu Beginn eines Stücks die Augen, hört der orchestralen Einleitung zu, lässt die Musik in sich hinein, saugt die Impulse und die Bewegung förmlich in sich auf, um dann Immenses zurück zu geben. Ihr Spiel öffnet da - im Andante des a-moll-Konzerts mehr noch als im Adagio des E-Dur-Konzerts - eine Tiefe, die selbst den grippeverseuchten Großen Saal der Alten Oper für Minuten still werden lässt, als lausche man einem kleinen Wunder.

Julia Fischer muss ihren Ton dafür nicht dick machen oder breit oder raunend. Ihr Pathos ist inwendig, fast entrückt und überdeckt nicht die Klarheit, die Ordnung der Dinge, die Bachs Musik kennzeichnet.

Wie schon so oft bezeugt auch dieser Abend Julia Fischers Kraft, aus der Musik heraus, ganz natürlich gewissermaßen, ein enormes Spektrum aufzufalten, ohne je pompös zu werden. Sie ist ein Jahrhunderttalent, keine Frage.

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