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Andrés Orozco-Estrada in Kloster Eberbach.

Rheingau Musik Festival

Den Klangraum delikat überlisten

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Das Rheingau Musik Festival startet mit einem „Stabat mater“ und einer engagierten Rede von Michel Friedman in die Sommersaison.

Der Wetterbericht des Hessischen Rundfunks sagt Blendendes voraus: am heutigen Montag bis 33 Grad, Dienstag bis 36 Grad. Es ist Sommer, endgültig.

Wieso das Wetter Feuilleton-relevant ist? Nun, das Rheingau Musik Festival, für das der Hessische Rundfunk als Medienpartner aktiv ist, startete in seinen 32. Festivalsommer mit 146 Konzerten, und da spielen Parameter wie Temperatur und Sonnenkraft durchaus eine gewichtige Rolle. Ebenso wie Ambiente und Landschaft, Atmosphäre und Location, davon lebt das Festival in einem nicht unerheblichen Maße. Sicher, musikalisches Niveau ist auch von Bedeutung. Doch bekommt die Perlage des Pausen-Sektes mitunter nicht weniger Aufmerksamkeit.

Das Rheingau Musik Festival 2019 allerdings startete jetzt ganz anders, gar nicht sommerlich-lau. Nicht nur mit warmen Worten des Intendanten Michael Herrmann und des Schirmherren Volker Bouffier, sondern mit deutlichen des Juristen und Publizisten Michel Friedman. Der war nämlich eingeladen worden, eine Rede zu halten vor dem eigentlichen Konzert in der Basilika von Kloster Eberbach. Sein Thema: „Courage“ – so benannt ist auch eine Schwerpunktreihe des Festivals, und zwar eine, die so gut konzeptioniert und mit Inhalt gefüllt ist wie noch keine Reihe in der Festival-Geschichte zuvor. Vor wenigen Tagen, so Friedman, hätten wir den „Endpunkt der Gewalt“ erlebt, er meinte den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Friedman fragte, welchen Mut es brauche, unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen Gesicht zu zeigen. Er relativierte dabei auch das Wort vom Protestwähler: „Es gibt keine Legitimation, eine Partei zu wählen, die Hass in das Land trägt“. Friedman forderte: „Lassen wir es nicht zu, dass es Mut braucht, Politiker zu werden.“

Courage, Mut, Haltung: In zahlreichen Konzerten und Programmen wird im Rheingau in den kommenden zehn Wochen darauf Bezug genommen – das Eröffnungskonzert selbst war allerdings nicht an diesen roten Faden geknüpft. Außer man betrachtet es schon als mutig, überhaupt ein so groß-chorsinfonisches Werk wie das „Stabat mater“ von Antonin Dvorák in der halligen Akustik der steinernen Basilika aufzuführen. Traditionell übernimmt das hr-Sinfonieorchester diese Initiationsaufgabe, Chefdirigent Andrés Orozco-Estrada stand am Pult, als Chor war der MDR-Rundfunkchor eingeladen. Der Chor ist eine Macht, er setzt sich durch bei immer kultivierter Ausgewogenheit.

Das Dvorák-„Stabat mater“ ist kein Stück, bei dem ein Orchester sich sofort als brillant produzieren kann, denn betont fahl ist der ausladende Kopfsatz instrumentiert. Es kommen aber delikate Passagen mit vollem Blech in ganz zurückhaltendem Volumen und schönen Holzbläser-Details; Orozco-Estrada verstand den Basilika-Klangraum oft zu überlisten.

Mal klopft Dvorák an die Höllenpforte nach Art des Verdi-Requiems, mal klingt er nach Krippenspiel-Schlichtheit, dieses ausgedehnte „Stabat mater“ pendelt zwischen eigenwilligen Polen, ohne aber wirklich auf Kontrastschärfe zu setzen. Vielleicht wäre da mehr Entschiedenheit – das Wort „Courage“ mag nicht ganz passen – des Dirigenten möglich gewesen, um Redundanzen zu vermeiden.

Auf was Andrés Orozco-Estrada weitestgehend und mit gutem Gewissen verzichten konnte, war die direkte Ansprache seines Solistenquartetts. Mit Hanna-Elisabeth Müller, Gerhild Romberger, Benjamin Bruns und dem fulminanten Günther Groissböck war es derart gut und sicher besetzt, dass sich Orozco-Estrada um deren Einsätze so gut wie gar nicht kümmern musste an diesem Eröffnungsabend.

Das Konzert wurde vom Hessischen Rundfunk aufgezeichnet und ist am 6. Juli in 3sat und am 7. Juli im hr-Fernsehen zu sehen.

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