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Phänomenal, belebend: Joe Strummer (1952-2002).

Joe Strummer

Klang, Haltung, Freiheit

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Stets auf der Suche: Das geöffnete Joe-Strummer-Archiv offenbart Elementares.

Ein Dorf in Somerset, England. Sterbeort eines der einflussreichsten Musiker des ausgehenden 20. Jahrhunderts, Standplatz einer auf Gartenerde errichteten Scheune. Als die Witwe mit dem Ausräumen beginnt, findet sich ein aus 20 000 Einzelstücken bestehendes Archiv. Von Mäusen zerfressene Songtexte, Zeichnungen, Notizen, Setlisten, bespielte Kassetten, Tonbänder. Und, den Göttern sei Dank!, die legendäre Fender Telecaster von 1966, zerschrammt, angerostet, abgespielt.

Joe Strummers Archiv. Elf Jahre hat die Sichtung und Einordnung des Vorgefundenen gedauert. Nun ist eine erste Auswahl des überbordenden Nachlasses unter dem Titel „Joe Strummer 001“ erschienen – Werkschau der Prä- und Post-Clash-Ära. 32 Songs, über zwei Stunden Laufzeit, verpackt als Boxset, Deluxe Edition, 4-fach-Vinyl oder Doppel-CD. Trotz aller schönen Beigaben: Was zählt, überzeugt, schier überwältigt ist – ganz einfach – die Musik.

Die Meriten des im Jahr 1952 als John Graham Mellor geborenen Mannes aufzuzählen, hieße, das Bottleneck ins Mississippi-Delta zu tragen. Um Mensch, Musik und Moral hat er sich mehr verdient gemacht als tausend andere so genannter Weltenretter. Nun denn. Hier hören wir Songs seiner frühen Combo „The 101ers“ (Rockabilly, Rhythm’n’ Blues!), kurzlebiger Formationen wie „The Latino Rockabilly War“(Trash’n Pop!) oder „The Astro-Physicians“ (Groove!), da sind Kollaborationen mit Johnny Cash und Jimmy Cliff (allseits bekannt), schließlich seine letzten Band „The Mescaleros“ (Offenbarung!).

In Szene gesetzt zudem Soundtrack-Arbeiten, manche veröffentlicht, einige untergegangen. Dass die Sammlung nicht zum Sammelsurium verkommt, muss in den höchsten Tönen gelobt werden. Ein Songschmied voll der Gnaden („Coma Girl“!) werkelt mit nie nachlassender Lust. Beseelt ist dieses Werk bis zu jener Sekunde, in der sich die Fingerkuppen vom Griffbrett lösen. Und gleicht einer Reise durch die Kontinente, einer Suche nach Klängen, Haltungen, „these Songs of Freedom“.

Mit Nachdruck wird deutlich, wie offen sich Strummer bewegt, ins Fremde, ins Vertraute, stets Gestern und Morgen mitdenkend, eine Gegenwart zu gestalten, die von Brandherden und kapitalistischen Verheerungen überzogen ist. „London is burning“ – und „Revolution“ keine modische Schnickschnackfloskel.

Schon die Clash-Bruderschaft war nicht festgelegt, mixte ein Gebräu aus Rock, Punk, Ska, Dub. Auf „001“ geben sich nun auch afrikanische, karibische und arabische Rhythmen ein Stelldichein, wird nach Herzenslust perkussiv aufgetürmt. Auf der Basis von immergrünem Schrammel-Rock wirkt das phänomenal, belebend. „I got to hurry up before I grow too old“, singt die prägnante Strummer-Stimme in „Silver & Gold“.

Neben personalintensiven Unvergesslichkeiten wie „Sandpaper Blues“, „X-Ray Style“, „Yalla Yalla“ oder „Afro-Cuban Be-Bop“ behaupten sich erhaben-karge Duo-Einspielungen vom Schlage „Burning Lights“ (wer könnte je die Szene in Kaurismäkis „I hired a Contract Killer“ vergessen?). Tatsächlich: „The last of the Buffalos.“

Welche Gemmen hinter Scheunenwänden, bei Maus und Motte, verborgen sind, enthüllt CD 2. Unveröffentlichtes, Raritäten. Zwei unterschiedliche Herangehensweisen bei „Pouring Rain“, ein knappes Jahrzehnt ausmessend. Und am Ende noch einmal der alte Joe Strummer / Mick Jones-Zauber. Gemeinsam durchqueren sie die 10.32 Minuten von „U.S. North“. Bongos, Agogo, Streicher. Die berühmte, abgenutzte Telecaster. – Wieder einen „Hobo-Wine“ trinken, sich noch einmal auf den langen, langen Heimweg machen.

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