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Elton John sitzt bei einem Bühnenauftritt am Piano. Er zahlt die Reise seines Equipments ja vielleicht noch aus der Portokasse.
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Elton John zahlt die Reise seines Equipments ja vielleicht noch aus der Portokasse.

Großbritannien

Konzerte in Europa erschwert: Elton John „enttäuscht“ – Brexit-Regierung am Pranger

  • Sebastian Borger
    VonSebastian Borger
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Britische Musiker:innen führen bittere Klage über die Brexit-Regierung. Vermeintlich neue Einigung bringt keine Erleichterung.

London – Im britischen Ministerium DCMS sind die Zuständigkeiten für Digitales und Sport, Kultur und Medien gebündelt. Letztere erhielten vergangene Woche aus dem Haus von Minister Oliver Dowden eine frohe Mitteilung für Musiker:innen: Kurze Konzertreisen in 19 EU-Staaten, darunter auch Deutschland, Frankreich und Italien, seien trotz des EU-Austritts weiterhin ohne teure Visa oder Arbeitsgenehmigungen möglich.

Prompt war in den Zeitungen beiderseits des Ärmelkanals von einer „Einigung“ und einem wichtigen Fortschritt die Rede. Von wegen: Die Brexit-Regierung habe nur längst Bekanntes wiederholt, hieß es in der Branche, viele Probleme rund um die Europa-Tourneen bekannter Bands und Orchester bleiben unverändert. „Enttäuscht“ äußerte sich Popstar Elton John.

Musikbranche hart getroffen: Brexit und Corona bremsen Konzerte aus

Im ersten Halbjahr des Jahres kam die normalerweise rege Konzerttätigkeit bekannter Künstler:innen wie des Sängers Ed Sheeran oder der Geigerin Nicola Benedetti wegen der Corona-Pandemie zum Erliegen. Nun, da Covid-Impfungen das grenzüberschreitende Reisen vereinfachen, treten die Probleme schärfer zu Tage, die durch Großbritanniens Austritt aus Zollunion und Binnenmarkt entstanden sind. In den Verhandlungen über zukünftige Vereinbarungen sei man von der Regierung „auf beschämende Weise im Stich gelassen“ worden, schrieben Prominente wie Simon Rattle, Sting und die Sex Pistols im Januar.

Denn für die lukrativen Auslandstourneen – insgesamt trug die Branche vor 2019 jährlich rund 6 Milliarden Pfund (7,1 Milliarden Euro) zur britischen Volkswirtschaft bei – seien nun „teure Arbeitserlaubnisbewilligungen und ein Berg von Formularen für die Ausrüstung“ notwendig.

Tatsächlich dürfen nach jetzigem Stand beispielsweise britische Roadies die wertvollen Container mit Instrumenten und Verstärkern zukünftig nur noch in drei EU-Städte lenken; dann muss eine im Binnenmarkt registrierte Zugmaschine übernehmen (Kabotage). De facto führt dies dazu, dass sämtliches Material nach der Ankunft auf dem Kontinent in Lastwagen mit EU-Kennzeichen umgeladen werden muss.

Brexit bringt zusätzliche Mehrwertsteuer: Keine Wertschätzung für die Musikbranche

Zwingend erforderlich ist auch das Zolldokument Carnet ATA für das nötige Equipment. Dafür liegen die Kosten bei 319 Euro für bis zu 11.820 Euro teures Gerät. Künstler wie Elton John bezahlen das aus der Portokasse; für die vielen kleinen Bands, die den Ruf britischer Pop-Avantgarde begründet haben, können solche Beträge die ohnehin knappe Kalkulation zunichtemachen, zumal die Carnet-Beschaffung eine komplexe Angelegenheit bleibt. Zusätzlich muss bei der Ausreise aus jedem EU-Mitgliedsland die Mehrwertsteuer für die verkauften Merchandise-Artikel abgeführt werden, was bisher nur in Norwegen und der Schweiz nötig war.

An diesem „komplexen Alptraumszenario aus Visumgebühren, Importbeschränkungen, Versicherungs- und Steuerproblemen“, so der Musiker und Journalist Robert Rotifer im Rolling Stone, hat die Mitteilung des Ministeriums, die sich beispielsweise auch auf Österreich und die Benelux-Staaten bezieht, nichts geändert. „Die Regierung hat weder Verständnis noch Wertschätzung für unsere Branche“, so David Martin, Leiter der Lobbygruppe Features Artists Coalition (FAC). Der Eindruck, man habe Erleichterungen oder gar eine Art von Durchbruch erzielt, sei falsch. Auch bleibe der Begriff „kurze Konzertreisen“ ungeklärt.

Großbritanniens Brexit-Regelungen behindern grenzüberschreitenden Verkehr

Diplomaten in London bestätigen dies: Eine Verbesserung der Lage oder bilaterale Vereinbarungen habe es „soweit wir wissen“ nicht gegeben, heißt es beispielsweise bei der österreichischen Botschaft. Der Hinweis auf Visa führt jedenfalls nicht weiter: Britische Künstler dürfen in Österreich bis zu vier Wochen lang visumsfrei auf Tournee gehen, in Staaten wie Frankreich und Deutschland sogar für 90 Tage. Beide Regelungen gelten seit 1. Januar. Bei Tourneen geht es aber um den grenzüberschreitenden Verkehr in den vielen einzelnen Nationalstaaten der Gemeinschaft. Diese stellt immerhin einen vier Mal so großen Markt für die Musikbranche dar wie etwa die USA.

Dementsprechend gereizt reagierten Promoter:innen und Lobbyisten auf ein Interview des Finanzministers mit der Branchen-Website NME. Darin wies Rishi Sunak auf das kürzlich abgeschlossene Handelsabkommen seiner Brexit-Regierung mit Australien hin – „ein 16.000 Kilometer entferntes Land mit einer Bevölkerung von der Hälfte Spaniens“, wie Martin kopfschüttelnd konstatiert. Hingegen mochte sich der Verwalter der Staatskasse nicht dazu herbeilassen, eine spezifisch auf die Musiker:innen, ihre Bands und Orchester zugeschnittene Exportbeihilfe zu unterstützen.

Brexit-Regierung macht „irreführende Mitteilung“ – Es gibt keine Hilfe für die Musikbranche

Die höchstens halbwahre Mitteilung des Kulturministeriums spiegelt wider, wie die Regierung von Premier Boris Johnson mit den Problemen des von ihr durchgesetzten Brexits umgeht. Auf allen Politikfeldern suchen die Ministerialbeamten das bilaterale Gespräch, Kontakte mit der EU in Brüssel werden möglichst vermieden. Innenministerin Priti Patel behauptete kürzlich im Parlament, ihr Haus sei „in aktiven Diskussionen“ mit den Anrainerstaaten Frankreich, Niederlande und Belgien über die Rücknahme abgewiesener Asylbewerber. Während sich Berlin in diplomatisches Schweigen hüllt, teilte der belgische Botschafter in London der Financial Times mit: „Solche Gespräche mit Belgien gibt es nicht.“

Wie geht es nun für britische Musiker:innen weiter? Das bleibt einstweilen im Dunkeln, jedenfalls aus Sicht von Deborah Annetts vom Fachverband ISM mit seinen 11.000 Mitgliedern. Nach der „irreführenden Mitteilung“, so Annetts auf Twitter, habe das Ministerium ein lang anberaumtes Gespräch mit Lobbygruppen Ende vergangener Woche hastig abgesagt. (Sebastian Borger)

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