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Rickie Lee Jones versteht sich heute als Unkrautjäterin im eigenen Garten. Foto: Osod / Thirty Tigers

CD

„Kicks“ von Rickie Lee Jones – Abschied von Coolsville

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Wohltemperiertes Altern: Warum das neue Album von Rickie Lee Jones eine milde Enttäuschung ist.

Gerade läuft über die alten Heco-Boxen das selbstbetitelte Debüt dieser Frau. Tatsächlich die „Duchess of Coolsville“. Ein Erstling mit Ursprungspotential, richtungsweisend für jedes Hip- und It-Girl, das danach kam. 40 Jahre ist das her.

Mit „Kicks“ liegt nun die jüngste Veröffentlichung von Rickie Lee Jones auf der Tischplatte, ein mit Cover-Versionen gefülltes Album – Pop und Jazz und Rock, entstanden zwischen 1950 und 1974. Unvergessen seit den Radiotagen des Aufwachsens, Erwachens, Verwandelns. Den Jutesack voller Erinnerungen hat die 64-Jährige nach New Orleans gebracht, vor lokalen Musikern ausgeleert, innerhalb weniger Tage im Studio transformiert.

Wie so oft ist die Begleitmannschaft exzellent, wird das große Geschirr nicht gescheut: Vibraphon, Saxofon und Sousaphon sind zu hören, Claps, Snaps, Congas. Zuweilen inbrünstiger Hintergrundgesang, vor dem sich die wandlungsfähige, gerne verschnupft klingende Stimme der einstigen Vorbildnerin in Szene setzen darf. Natürlich kann sie Jazz singen, ist getauft in allen musikalischen Weihebecken. – Die Zuneigung zum Material hat nicht gutgetan.

Unbestreitbar lässt die Auswahl aufhorchen. Classic Rock aus den Siebzigern paart sich hier mit Dean-Martin- oder Benny- Goodman-Hits. Die einst vom großen Lowell George ins Geschäft gehobene Lee Jones eröffnet verheißungsvoll mit „Bad Company“, dem 1974 von gleichnamiger Band eingespielten Softkracher. Wie bei den folgenden Liedern wird nahe am Original entlangziseliert, überwiegt die geschmackvolle Umsetzung. Lieb und brav kommen auch „My Fathers Gun“ (Elton John) und „Lonely People“ (America) daher, bevor Swing-Tingeltangel und „Mack the Knife“ eine wohltemperierte Mittelachse markieren. Dass „Houston“ solch ein liebenswerter Ort ist, konnte jedenfalls niemand vermuten. In seiner funkelnden Verschleppung ist einzig Steve Millers „Quicksilver Girl“ eine grandiose (Neu-) Entdeckung.

Es ist dieser Song von 1968, der aufruft, was möglich gewesen wäre. Rickie Lee Jones hat es bewiesen. Die Interpretationen auf dem vor sieben Jahren herausgebrachten „The Devil You Know“ sind Gipfelstationen der Fremdmaterialbearbeitung. Ohne jede Opulenz, jedoch mit stimmlicher Ausdruckspräzision werden dort Ewigkeitsnummern vom Schlage „Sympathy For the Devil“ oder „The Weight“ in klaftertiefe Abgründe geführt. Am Ende, wenn sich die ganze Rolling-Stones-Maskulinität als Kulissenschieberei erweist, ist selbst der Teufel zum armen Wicht geworden. Und wer in den Klüften des The-Band-Klassikers neue Schichten herauszubrechen versteht, ist ohnehin ein Wagemutiger, eine Künstlerschaft von Rang.

Gefährdung und Schutzlosigkeit gehören nicht zur „Kicks“-Strategie. Rickie Lee Jones, die sich heute als Unkrautjäterin im eigenen Garten versteht und den Siebziger-Softrock als „ehrwürdig“ bezeichnet, legt sich mit ihren New-Orleans-Leuten lieber aufs Federbett bewährt schöner Melodien. Die Zeit der Hipster-Gegenwehr, des Starrsinns, einer anderen Setzung des Amerikanerseins ist vorbei.

Gerade läuft „Coolsville“ von jenem sagenumwobenen Debüt, das mehr als tausend Lichtjahre entfernt scheint. „Ask me if you want to know / The way to Coolsville.“ – Was ist eigentlich aus Cindy Lee Berryhill geworden?

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