Oper Frankfurt

Im Kern von Bachs Musik

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Ein großer Abend mit Isabelle Faust in der Alten Oper Frankfurt.

Der einzige Klassikveranstalter Frankfurts, der sich in seinem Namen ästhetisch positioniert, sind die Frankfurter Bachkonzerte. Eine Institution mit einem höchstwertigen Markenkern, ist doch mit dem Namensgeber gewissermaßen der Wächterknoten des musikalischen Gewebes der abendländischen Kunstmusik benannt. Der große Synthetisierer der Klangprozesse vor und der große Ordnungsstifter der Entwicklungen nach ihm. Das ist der Bach-Kanon: ein gestaltbildendes Ethos von Leistung, Ausdruck und Idealität, das selber wiederum in Stufen der Verdichtung und Konzentration sich darstellt.

Entsprechend gibt es auch Stufen des kernkompetenten, kanonischen Zuspruchs: Den Großen Saal der Alten Oper füllen locker bei Gelegenheit saisonaler Tradiertheiten nicht nur zur Weihnachts- und Osterzeit das Format Oratorium & Passion und ebenso das zeitgemäße Angebot kanon-diffuser bunter Mischung mit allerlei Nebenher- und Obendrein. Fürs Innerste des Kerns reicht der Mozart-Saal: für die Liebhaber & Bewunderer der Solitäre wie Musikalisches Opfer und Kunst der Fuge oder der solistischen Explorationen, die Bach dem Cembalo, dem Cello und der Geige anvertraute.

Da passen auch die instrumentalen Meister der Gegenwart hin, die sich um Kernfragen kümmern – an Abenden wie in einem Bach-Reaktor, wo des Komponisten Spaltung und Anreicherung des Klangstoffs seinen Höhepunkt findet. Hier veranstalteten jetzt die Bachkonzerte eine Aufführung der um 1715 entstandenen drei Sonaten und Partiten für Violine solo mit der kongenialen Isabelle Faust.

Der Prozess war im engen und klanggeschlossenen Saal im Souterrain der Alten Oper perfekt situiert. Ausgelöst und souverän gesteuert von Fausts solistischer Kompetenz, die nicht nur den Bach’schen Kompositions-Kern in vollständige Bewegung versetzte sondern mit einem Habitus intensivster Präsenz zwischen Gelöstheit und Strenge strahlen ließ.

Andacht-Séance-Exerzitium: eigentlich war es lediglich die Idealform von Bach-Arbeit, was die 47-jährige Könnerin absolvierte. Training der Sinne im Spiel der obersten artistischen Sphäre. Müßig, über die zweieinhalbstündige Makellosigkeit und atemberaubende Beherrschung der Materie in der Darbietung der gebürtigen Esslingerin zu reden. Von tiefer Bewegung war, wie sich im zweiten Teil des Abends mit den Sonate Nr. 3 und den Partiten Nr. 3 und 2 eine Ausdruckssphäre intensiv werdender Melancholie entfaltete, die in Bachs finaler Chaconne – eine Woche nach dem Tod seiner Frau entstanden und mit Choralfragmenten angereichert – ohne affektiven Druck zur Kernschmelze geriet. Keine Hand rührte sich lange Zeit.

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