1. Startseite
  2. Kultur
  3. Musik

Kendrick Lamar: „Mr. Morale & the Big Steppers“ – Zeilen, die zu studieren sind

Erstellt:

Von: Nicklas Baschek

Kommentare

Kendrick Lamar, der sich offenbar als Leidensmann sieht. Foto: Universal Music
Kendrick Lamar, der sich offenbar als Leidensmann sieht. Foto: Universal Music © Universal Music

Volle Aufmerksamkeit erforderlich: Kendrick Lamar und sein neues Album „Mr. Morale & the Big Steppers“.

Als Kendrick Lamars neues Album vor fast drei Wochen erschien, postete der deutsche Rapper Kool Savas auf Twitter, dass es doch nicht sein könne, dass so viele Menschen nach ein paarmal Durchhören schon Urteile fällen oder gar Texte drüber schreiben und Noten geben. Dies gilt sicherlich umso mehr für Kendrick Lamars Musik – die im textlastigsten Genre Rap sich nochmals durch sehr viel und sehr komplexen Text hervortut. Bei Lamar sollte man das große Ganze im Auge behalten, es gibt so viel zu entdecken, es braucht dafür eine große Aufmerksamkeit. Lamar eröffnet mit dem dringlichen „United in Grief“ und er erklärt, er gehe da durch etwas durch. Seit eintausendachthundertfünfundfünfzig Tagen, rappt er.

Vor fünf Jahren war „Damn.“ erschienen, ein Album vor allem auch über den Ruhm und die Frage, wie sehr sich Kendrick Lamar auf all die Generationendebatten und die eigene Rolle als politisches Sprachrohr einlassen kann. War vor allem „Good Kid, M.A.A.D City“, das vor zehn Jahren erschien und Lamar vom Geheimtipp zum Star machte, bereits eine Biographiearbeit, die Rekapitulation eines Tages seiner Jugend, ein Gebet zu Beginn, ein Schuss, ein Sterben, ein Gebet am Ende, so ist „Mr. Morale & the Big Steppers“ die inhaltliche Kreuzung des erwähnten Durchbruchsalbums und der zwei Alben seitdem: Die aktuelle Psychotherapie, die Zweifel im Hier und Jetzt, das Geld, der Ruhm, 20 Millionen gezahlt an Steuern (sagt er). Er erzählt davon und er erzählt aber auch von seiner Mutter, der sexuellen Gewalt gegen sie und seinem Wunsch, schon als Kind zur Waffe gegriffen zu haben. Er erzählt von seinem Onkel, den er „Auntie“ nennt, weil er mal als Frau lebte oder zu leben schien – und den er für diesen Weg lange lächerlich machte und übel behandelte.

Es gibt keine Geschichten aus reiner Gegenwart. Und die Frage, ob er ein gesellschaftliches Trauma verarbeiten könnte, während er über eigene Wunden spricht, stellt er selbst indirekt auch. Kendrick Lamars Arbeit ist noch immer sehr debattenfähig – und die Fragen und Kontroversen werden selbst Teil des Werks.

Dabei bleibt Lamar in vielen Bereichen bei den Trademarks der letzten zehn Jahre: Er bleibt der offensichtlichste Schriftsteller des zeitgenössischen Pop. Zeilen, die zu studieren sind, Texte, die sich gut lesen und noch viel besser hören lassen. Es bleiben die vielen unterschiedlichen Stimmlagen und die Rollenspiele, die seine technische Virtuosität strahlen lassen. Es bleibt dabei, dass er bei den bestehenden Trends nicht aufspringt, der schleppende, zerschossene, lila Trap spielt kaum eine Rolle.

Aber es gibt Neuigkeiten: So ist eines der Highlights, das minimalistische „Rich Spirit“ fast ein Stück Mumble Rap, seine Stimme leicht verwischt, mehr Lautmalerei als klare Artikulation. Auch ist dies die erste Platte, die musikalisch vom Klavier getragen wird – und ihr so – erneut – einen sehr geschlossenen Eindruck verleiht. Im ab den ersten Tönen durchschüttelndsten Song „We Cry Together“, findet sich die erste wirklich starke weibliche Stimme auf einem Album Lamars: „See, you the reason for Trump You the reason we overlooked, underpaid, underbooked, under shame“.

Wie gut dieses Album Kendrick Lamars neben den anderen bestehen wird, ist schwer zu sagen. Auch, wie gut manche Stories altern werden. Und auch, dass der Lebensratgeberschreiber Eckhart Tolle als Sprecher genannt wird und als spiritueller Ratgeber, wirft die Frage auf, worin der Unterschied zwischen Tiefe und Esoterik besteht.

Aber sicher ist, dass wir auf Kendrick Lamars Diskographie irgendwann zurückschauen wie auf die Werke von Tupac, Springsteen oder Madonna. Es werden Bücher darüber geschrieben werden. Und wie gegenwärtig das ist, wird sich dann erst in der Rückschau ergeben.

Kendrick Lamar: Mr. Morale & the Big Steppers. Universal Music.

Auch interessant

Kommentare