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Kendrick Lamar in der Frankfurter Festhalle: Der Mann mit der Dornenkrone

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Von: Nicklas Baschek

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Kendrick Lamar bleibt gern im Dunkeln.
Kendrick Lamar bleibt gern im Dunkeln. © Greg Noire

Ist das hier nachdenklich, ist es depressiv? War früher nicht mehr Party? Kendrick Lamar in der Frankfurter Festhalle.

Baby Keem steht auf der Bühne vor psychedelischen Farben. Er ist der Cousin Kendrick Lamars und wird ihn später auf der Bühne bei mehreren Songs begleiten. In der Frankfurter Festhalle ist hinten noch sehr viel Platz, die Sicht wird gut bleiben, der Sound zwei Stunden erschreckend schlecht, leise und indifferent. Baby Keem steht alleine im Licht zu einer Musik, die mehr mit 90er-Emo zu tun hat, als viele wahrhaben wollen. Die Handys leuchten, sie leuchten kalt. Wohlwollen im Publikum. Er rappt ein wenig über sein eigenes Playback. Grollen, Bass. Kendrick Lamars Stimme.

Die Menschen sind diesmal sehr jung, jünger als beim absolut phänomenalen Auftritt Kendrick Lamars 2018 an gleicher Stelle. Die Tickets kosten mittlerweile mindestens 100 Euro, vor der Halle verkaufen sie sie noch teurer, einer ersetzt sein zu Hause verschollenes Ticket für nochmal 150 Euro. Es ist eine Wette darauf, dass diese Show besonders wird.

Kendrick Lamar kommt schließlich um halb zehn auf die Bühne, er startet mit dem Eröffnungstrack „United in Grief“ seines aktuellen Doppelalbums „Mr. Morale and the Big Steppers“. Dazu marschieren Tänzerinnen zackig über die Bühne, schulterzuckend. Schwarz und weiß, Mann und Frau. Streichersamples. Johlen. Kendrick am Klavier. Seine Stimme hell, fast verhuscht. Er trägt Hoodie, Lederhosen und Stiefel bis zu den Knien. Eine riesige Gürtelschnalle. Pause, Johlen. Die hektische Percussion setzt ein. Taktaktak. Lamar hat eine Puppe auf dem Schoß mit seinem Konterfei. „I grieve different.“

Nach vier Songs spielt er „Backseat Freestyle“ vom zehn Jahre alten Durchbruchsalbum „Good Kid, M.a.a.D City“, der erste Höhepunkt, der Bass klatscht, die Band, vermutlich hinter oder unter der Bühne, spielt eine verzerrte Gitarre darüber, das Publikum ist lauter und lauter. Er schließt mit dem neuen Song „Rich spirit“ an, der klingt wie eine Lebensbeichte aufgenommen in einem U-Boot.

Die Momente der ersten Erleuchtung kriegen wir nicht wieder, der Kendrick dieser Maximalreflexion nach dem Ruhm hat nicht mehr die Dringlichkeit und Wucht der früheren Alben. Er spielt „Good Kid, M.a.a.D. City“, den sägenden Hit von vor zehn Jahren über eine Welt geteilt in Rot und Blau, die Gangfarben, eine Welt aus Freunden und Feinden. „We take a trip down memory lane“, der Sound ist muskulös und gitarrenlastig. Die Vergangenheit hatte Röhrenstärker.

Es war eine der großen Fragen, wie Lamar das durchaus sperrige Doppelalbum „Mr. Morale and the Big Steppers“ auf die Bühne bringt. Und auch, wie gut dieses Album nun ein halbes Jahr später erscheint. Hier und live erscheint die Kluft groß. Die neuen Songs können kaum bestehen, die Stimmung ist immer dann am besten, wenn Lamar alte Hits wie „King Kunta“ vom hochgelobten Album „To pimp a butterfly“ spielt. Es glimmt in Rot und Orange, schmeiß die Hände in die Luft usw. Da ist durchaus eine gewisse Erprobtheit zu erkennen.

Am besten funktioniert die Kombination mit seinen Tänzerinnen. Sie geben Gesicht und Körper. Lamar hingegen wirkt belastet, ein Konzert, das sich nicht ganz entscheiden kann oder will, ob es nachdenklich ist oder depressiv. War früher mehr Party? Vermutlich nicht, aber diese Show hat einiges von den Produktionen großer TV-Sender. Drama, Dornenkrone, Schuld usw. Eine voll ausgeleuchtete Show ohne Geheimnisse.

Ganz am Schluss, Schwarz und Weiß, Mann und Frau, sie tanzen wild und aggressiv. Lamar hat fast 30 Songs gespielt, das Licht geht an, keine Zugabe. Und doch fühlte es sich lang an.

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