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Kelly Lee Owens: „LP.8“ – Ein Warnschuss, ein Weckruf

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Von: Stefan Michalzik

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Von ihr kommt auch die offizielle Hymne zur Fußball-WM der Frauen 2023: Kelly Lee Owens. Foto: Kim Hiorthoy
Von ihr kommt auch die offizielle Hymne zur Fußball-WM der Frauen 2023: Kelly Lee Owens. Foto: Kim Hiorthoy © Kim Hiorthoy

Kelly Lee Owens ist auf ihrem Album „LP.8“ – nicht nur – als Künderin der Apokalypse zu hören.

Um eine bestimmte Nummer von Kelly Lee Owens werden die Freundinnen und Freunde des Fußballs im kommenden Jahr nicht herumkommen. Die Fifa hat die offizielle Hymne zur WM der Frauen in Australien und Neuseeland bei ihr in Auftrag gegeben. „Unity“ fällt mit seinem hymnischen Charakter zwar eher aus Owens’ Schaffen heraus, lässt jedoch aufhorchen mit seinem Electrosound. Die in London lebende Produzentin ist zuletzt unter anderem als eine Künderin der Apokalypse von außergewöhnlicher emotionaler Tiefe in Erscheinung getreten. Das manifestierte sich im Albumtitel „Inner Song“ (2020). Emotionale Wärme prägt das Werk der 1988 geborenen Musikerin schon seit dem mit ihrem Namen betitelten Debüt, das 2017 Furore machte.

Bei „Kelly Lee Owens“ handelte es sich noch um eine vergleichsweise flockige technoide Spielart von Dreampop. Nichts mehr davon nun auf „LP.8“ – nicht dem achten, sondern dem dritten Album. „8“, so Owens, stehe für Vollständigkeit: „Ein Album, das mit mir persönlich ewig mitschwingen wird.“ Entsprechend esoterisch klingt die Musik zum Glück nicht. Sie dürfte ein gefundenes Fressen für Choreografen oder Choreografinnen mit Neigung zu dystopischen Stücken sein. Die Grundstimmung ist melancholisch, mal auch bestimmt von ravelhaften, mit mächtig Hall unterlegten Klavierklängen.

Das Album

Kelly Lee Owens: LP.8. Smalltown Supersound/Cargo/375 Media.

Einesteils wirken die Klänge ambienthaft kontemplativ und durchaus warm, auf der anderen Seite suggerieren immer wieder schleppend pochende Schläge eine Atmosphäre des Dystopischen. „This is emergency/(...)/This is a warning shot /This is a wake-up call“, lauten die letzten Worte im finalen Stück „Sonic 8“. „Voice“ ist frickelig, kommt aber auch unklebrig dem New Age nahe. Owens bezieht sich ausdrücklich auf Enya, das jedoch merkt man ihrer Musik erfreulicherweise nicht an.

Ihr Koproduzent, der im Noise verwurzelte Norweger Lasse Marhaug, der schon für Merzbow, Sunn))) und Jenny Hval arbeitete, hatte eine lose Anlehnung an die Industrial-Pioniere Throbbing Gristle im Sinn. Am Resultat aber sind trotz eines maschinenhaften Hämmerns nur mäßige Parallelen abzulesen. In „Olga“, der poppigsten Nummer, schwebt Owens hier engelsgleiche Stimme über einem Bett aus Synthieklängen, in „Amadlu“ – „Atmen“ auf Walisisch – gibt sie tatsächlich Anweisungen für entspanntes Atmen.

Ihre Gesangsstimme taucht in einem Großteil der neun Nummern auf – aber es handelt sich doch zumeist um Tracks, gesungen werden oft nur wenige Wörter in Wiederholung, die Stimme hauchig. „Nana Piano“ ist ein mit reichlich Hall versehenes Klavierstück in einer Nähe zur Neoklassik, auf einem verstimmt klingenden Instrument.

Das Album wurde zunächst auf Bandcamp veröffentlicht, die Vinylausgabe folgt erst Anfang Juli: In den Zeiten des Nischenbooms von Vinyl sind die Kapazitäten der Presswerke derart ausgelastet, dass Verzögerungen inzwischen verbreitet sind.

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