Kelly Lee Owens.
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Kelly Lee Owens.

Kelly Lee Owens

Euphorische Momente inklusive

  • vonStefan Michalzik
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Zwischen Technobeat und Songwriterpop: „Inner Song“, das neue Album der walisischen Musikerin Kelly Lee Owens.

Die Auftritte der in London lebenden walisischen Elektronikmusikproduzentin Kelly Lee Owens stehen in einem fantastischen Ruf. Da beuge sich, ist über ein Konzert in Berlin zu lesen, nicht jemand öde über sein Laptop und drücke die Tasten. „Daueragil“ und „hyperaktiv“ lauten Attribute, die ihr zugeschrieben werden. Die Kunde geht von einem Multitasking in einer ungemeinen Geschwindigkeit zwischen dem Bedienen der Gerätschaften, Singen, Perkussion auf den elektronischen Drums und schließlich Tanzen – auch auf die Gefahr hin, dass ihr andauernd kleine Pannen passieren. Wer ohne Vorkenntnis „Inner Song“ hört, ihr kürzlich erschienenes zweites Album nach dem zu Recht vielbeachteten, mit nichts als dem eigenen Namen der Musiker benannten Debüt vor drei Jahren, dürfte das kaum glauben.

„Inner Song“ wirkt faszinierend entspannt. Aufgenommen wiederum zusammen mit dem Koproduzenten James Greenwood, beginnt es synthiepluckernd instrumental, mit einer Coverversion der auf das Jahr 2007 zurückgehenden Radiohead-Nummer „Arpeggi“ (im Original „Weird Fishes/Arpeggi“) – und es ist nicht sogleich offenbar, wohin die Reise gehen wird. Ein sphärisches Ambient-Album womöglich?

Sodann, in „On“, setzt die mit Hauch besetzte Gesangsstimme von Kelly Lee Owens ein, die teils chorisch aufgefächert wird. Klingt nach Songwriterpop – gleitet jedoch mitten im Song unvermittelt in einen minimalistischen Technobeat über; die Stimme taucht nicht mehr auf. Dritte Variante, in Song Nummer drei, „Melt!“: die mehr oder minder perkussiv geführte Stimme ist in die instrumentale Struktur des durch einen Technohousebeat gekennzeichneten Stücks verwoben. „Re-Wild“ wiederum ist eine Downbeatnummer mit Anleihen beim TripHop.

Das Album:

Kelly Lee Owens: Inner Song. Smalltown Supersound/ Cargo/375 Media.

Und so geht es weiter, House und Dreampop, Krautrocksounds und Chill-Out-Klänge, Songs und Instrumentalnummern. Später, in „Corner Of My Sky“ hat John Cale, gleichfalls Waliser mit einer Geschichte bis in die antiken Zeiten von The Velvet Underground, einen famosen Gastauftritt als Rezitator des Textes in der Art des Beatpoeten Alan Ginsberg.

Musikalisch sozialisiert wurde Kelly Lee Owens mit dem Indiepop der nuller Jahre, sie war Bassistin bei einer Londoner Indieband. Auf eine Zusammenarbeit mit Daniel Avery beim Debütalbum „Drone Logic“ (2013) hin, das einen beträchtlichen Anteil an der Rückkehr von Techno auf der Bildfläche hatte, begann sie selbst, das eine mit dem anderen zusammenzubringen. Über dem dramaturgisch wohlkomponierten Albumzyklus liegt eine Melancholie, mit euphorischen Momenten inklusive.

Nach drei schweren Jahren

All dem haftet etwas Traumwandlerisches an. Es geht in den Songs unter anderem um Trennung, den Tod der geliebten Großmutter, der das Instrumental „Jeanette“ gewidmet ist, und um die Klimaerwärmung. Als autobiografischen Hintergrund nennt die 32-Jährige eine Therapie zwecks Traumabewältigung – nach den „drei schwersten Jahren meines Lebens“. Es geht sozusagen um den Weg zum inneren Lied.

„Die Kraft, zu konzeptualisieren, wer du bist“, hat Owens in einem Interview gesagt, „hat dieses Album wirklich geprägt“. Der Titel des beseelten Großwurfs ist im Übrigen dem eines Albums des amerikanischen Multiinstrumentalisten Alan Silva entlehnt, einem wichtigen Protagonisten des Free Jazz.

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