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Keith Jarrett, ein großer Rätselhafter des zeitgenössischen Jazz.

Keith Jarrett

Keith Jarrett wird 70

Der erstaunliche Jazz-Pianist Keith Jarrett wird heute 70 Jahre alt. Bereits mit sieben Jahren stand Jarrett als Wunderkind auf der Bühne und gab Solokonzerte. Neben der Improvisation widmet er sich der E-Musik.

Von Hans-Jürgen Linke

Keith Jarrett, geboren am schicksalshaften 8. Mai 1945 in Allentown, Pennsylvania, ist einer der rätselhaftesten Künstler des zeitgenössischen Jazz. Vielen gilt er als Genie, und schon die alteuropäische, aus der nachaufklärerischen Epoche des Sturm und Drang stammende Bedeutung dieses Wortes weist auf widersprüchliche Ungleichzeitigkeiten in seiner Kunst. Seine improvisierten Solo-Konzerte sind von erstaunlichem Erfindungsreichtum und hoher struktureller und klanglicher Komplexität geprägt, aber nicht unbedingt von einem Personalstil, der Wiedererkennbarkeit produziert. Als typisch erscheinen eher Klangfarben, also bestimmte Arten, das Klavier zum Klingen zu bringen. Aber auch das ist nur ein vager Anhaltspunkt, denn oft macht die Dynamik einen Strich durch die Hörer-Rechnung, wenn Jarrett den athletischen, Energie verströmenden Pianisten gibt, der sich wenig um Harmonie und Melos kümmert und die Mechanik seines Instruments einem Härtetest unterzieht.

Solokonzerte sind nicht die einzige musikalische Praxis des Jazzmusikers Keith Jarrett. Er kam 1965 zu Art Blakeys Jazz Messengers, wenig später zu Charles Lloyds Quartett, das als erste psychedelische Jazzrock-Band galt. 1967 gründete er ein Trio mit Charlie Haden und Paul Motian und geriet nach einen Umweg über Paris in den Musiker-Pool, aus dem Miles Davis seine Bands zusammenstellte. Da war er gerade 26 Jahre alt.

Die steile Karriere hat ihn selbst womöglich am wenigsten erstaunt. Schon mit sieben stand er im Ruf eines Wunderkindes und gab Solokonzerte. Eine Zeit lang dachte seine Mutter daran, ihn zum Unterricht zu Nadja Boulanger nach Paris zu schicken – bei der unter anderem Maurice Ravel, Aaron Copland, Arthur Honegger und Leonard Bernstein Unterricht gehabt hatten –, aber er ging dann doch lieber nach Boston ans Berkelee College und arbeitete als Bar-Pianist.

Aus dem Kreis der Weggefährten der ersten Jahre blieben einige Musiker kontinuierlich in seiner Nähe. Zu Charlie Haden und Paul Motian kam Dewey Redman, so entstand das American Quartet. Das Trio, mit dem er mittlerweile eine stolze Perlenkette von Aufnahmen eingespielt hat, besteht ebenfalls aus Musikern, die er in der Sideman-Phase seiner Karriere kennen und schätzen gelernt hat: Gary Peacock und Jack DeJohnette. Dieses Trio gehört zu den haltbarsten Formationen im zeitgenössischen Jazz.

Ein anderer Arbeitsbereich entstand in Europa. Jarrett hatte Manfred Eicher kennen gelernt, der in München die ECM gegründet hatte und zu einer der seither einflussreichsten Tonträgerfirmen des Planeten entwickelte. Jarrett und Eicher müssen einander gefunden haben wie die zwei Pole eines Magneten. Ihre Zusammenarbeit war ohne Vertrag von Anfang an unkündbar. Unter den Musikern, die mit ECM verbunden waren, fand Jarrett auch die Besetzung seines European Quartet: die Norweger Jan Garbarek, Palle Danielsson und Jon Christensen.

Kommerzieller Erfolg hat nie die Karrierewege diktiert, ist aber im Laufe der Jahre auch nicht ganz ausgeblieben. Jarretts Publikationsliste in verschiedenen Formationen ist ehrfurchtgebietend lang, und die angeblich bestverkaufte Jazz-Solo-Aufnahme aller bisherigen Zeiten war das berühmte „Köln Concert“ aus dem Jahre 1975.

Legendär sind auch die widrigen Umstände, unter denen es entstand. Jarrett war mit Eicher im Auto nach einem Konzert aus der Schweiz angereist und todmüde. Der Flügel war eine Zumutung, verstimmt und verhakt, zum Glück waren die Tontechniker großzügig und schnitten das Konzert für interne Zwecke mit. Was die musikalische Substanz anbelangt, hat Jarrett selbst das „Köln Concert“ mehrfach dahingehend kommentiert, dass er das so heute auf keinen Fall mehr spielen würde. Längst ist auch seine Spielweise von der für einige improvisierende Musiker typischen Altersweisheit des Reduzierens geprägt – zumal er in den neunziger Jahren lange an einem chronischen Erschöpfungssyndrom litt, das ihm jedes Auftreten unmöglich machte.

Neben der Improvisation hat sich Jarrett schon seit längerem der so genannten E-Musik gewidmet. In der New Series bei ECM sind unter anderem Cembalo-Einspielungen von Klaviermusik Johann Sebastian Bachs erschienen (nur das „Wohltemperierte Klavier“, Buch I, hat er auf einem modernen Konzertflügel gespielt) sowie Werke von Händel, Mozart, Arvo Pärt. Jarrett widmet sich hier voller Respekt und mit einer ausgeprägten auch historisch informierten Gewissenhaftigkeit dem Werk und stellt die eigene künstlerische Individualität beiseite.

Zu den Mystifikationen, die sich um Jarrett gebildet haben, gehören auch seine Empfindlichkeiten und Eigenarten im Auftritt. Dass er hustende und mit dem Handy hantierende Zuhörer nicht erträgt, ist eine Konstante darin. Das hängt damit zusammen, dass ihm das freie Improvisieren Mühe und Qual bereitet und dass er das Publikum sehr intensiv erlebt. „Das Publikum kann alles komplett ändern“, sagte er einmal in einem Interview mit dem Rundfunkjournalisten Roland Spiegel: „Jedes Mal, wenn ich in Deutschland auftrete, habe ich den Eindruck, ich müsste einen dunklen Anzug tragen und gerader gehen.“

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