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Keith Jarrett im La Fenice in Venedig, 2006.

75. Geburtstag

Keith Jarrett: Alle Sprachen des Klaviers

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Zum 75. Geburtstag des Universal-Pianisten Keith Jarrett.

Der Klavierunterricht begann, als Keith Jarrett drei Jahre alt war. Er hat also nicht übertrieben, als er sagte: „Ich bin mit dem Klavier aufgewachsen. Ich habe seine Sprache gelernt, während ich sprechen lernte.“

Der Gedanke, dass es etwas wie die Sprache des Klaviers geben könne, ist allerdings eine Abstraktion, die davon absieht, dass es Pianisten sind, die am Instrument ihre eigene Sprache finden oder entwickeln; ohne Musiker bestünde die Sprache des Instruments nur aus nicht realisierten Möglichkeiten. Aber Jarretts Diktum zielte wohl weniger auf eine Abstraktion als auf eine universalistische musikalische Utopie. Die Arbeit seines Lebens bestand und besteht darin, ihr möglichst nahe zu kommen.

Mit sieben ein Wunderkind

Keith Jarrett wurde am 8. Mai 1945 in Allentown, Pennsylvania, geboren. Schon mit sieben gab er als Wunderkind Solokonzerte. Einem Angebot, in Paris Unterricht bei Nadia Boulanger zu nehmen – die unter anderem Aaron Copland, Astor Piazzolla und Philip Glass unterrichtet hatte – zog er vor, nach Boston ans Berkelee College zu gehen und, als sich sein Interesse am Jazz intensivierte, weiter nach New York. Bald spielte er mit Art Blakey, ging mit Charles Lloyd auf internationale Tournee. Miles Davis wurde auf ihn aufmerksam, Jarrett spielte in dessen Rockjazz-Formationen Orgel und E-Piano.

Für viele Musiker war eine Zusammenarbeit mit Miles Davis die entscheidende Wegmarke ihrer Karriere; für Jarrett war das eher die Begegnung mit Manfred Eicher, der 1969 die Tonträger-Firma ECM gegründet hatte und sich anschickte, seine Produzenten-Spuren im internationalen zeitgenössischen Jazz zu hinterlassen. 1971 erschien bei der ECM die erste Solo-LP des jungen Keith Jarrett, „Facing You“ mit acht kurzen Stücken, die wie eine Suite zusammenhingen und einen ersten Ausblick auf das boten, was Jarrett seit den 1970-er Jahren zu seinem Markenkern kultivierte und womit er seinen nachhaltigen Ruhm begründete: das improvisierte Solo-Klavierkonzert. Innerhalb weniger Jahre erschienen die LPs „Solo Concerts Bremen / Lausanne“ (1974), das legendäre „Köln Concert“ (1975), das heute als bestverkauftes Album der Jazz-Geschichte gilt, sowie eine zehn Langspielplatten (später sechs CDs) umfassende Kassette von Live-Mitschnitten aus Japan mit dem Titel „Sun Bear Concerts“.

Aber die Sprache des Klaviers nährt sich nicht nur aus improvisierten Recitals. Keith Jarrett war daneben stets Jazz-Pianist im Ensemble. Er pflegte sein „American Quartet“, zu dem außer ihm der Bassist Charlie Haden, der Saxophonist Dewey Redman und der Schlagwerker Paul Motian spielten; Jarrett ist mittlerweile der letzte Überlebende dieser wegweisenden Formation. Auf der anderen Seite des Atlantik gab es das European Quartet mit den drei norwegischen Musikern Jan Garbarek, Palle Danielsson und Jon Christensen. Das ungemein fruchtbare amerikanische Trio mit Gary Peacock und Jack DeJohnette entstand Anfang der 1980-er Jahre und ist eine der beständigsten Formationen der Jazz-Geschichte.

Parallel dazu spielte Jarrett bei ECM eine stattliche Zahl von Alben mit älterer und zeitgenössischer E-Musik ein. Auf der Riepp-Kirchenorgel der Abteikirche in Ottobeuren nahm er 1976 „Hymnes and Spheres“ und 1979 „Invocations – Moth And Flame“ auf und spielte mit dem Südfunk Sinfonieorchester. Zum Teil am Cembalo entstanden Aufnahmen von Klaviermusik Händels und J. S. Bachs, am modernen Konzertflügel Einspielungen von Bartók, Schostakowitsch und Arvo Pärt.

In den Neunzigern litt Jarrett etliche Jahre lang an einem chronischen Erschöpfungs-Syndrom, das ihm Auftritte unmöglich machte. Als er sich in die Existenz des Bühnenmusikers zurück kämpfte, verschaffte er sich durch empfindliche Reaktionen einen Ruf als launischer Musiker, der beim Fotografiertwerden und bei Hustern im Publikum Konzerte unterbrach und sich zu Belehrungen und Beschimpfungen des Publikums hinreißen ließ. Das Interesse an seinen immer rarer werdenden Solo-Auftritten nahm dadurch eher noch zu.

Keith Jarrett ist ein Anhänger des armenischen Philosophen und Musikers Georges I. Gurdjieff, dessen „Sacreds Hymns“ er 1980 einspielte. Er lebt in New Jersey auf dem Lande und genießt das Privileg, niemandem mehr etwas beweisen zu müssen.

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