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Die-Türen-Sänger Maurice Summen.

Die Türen

Keine Zeit, kein Geld, kein Glück

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Die Türen mit der Dreifach-LP und dem großen Wurf „Exoterik“.

Sie kommen mit parolenhaft knappen Worten aus. „Keine Zeit, keine Liebe, kein Glück / Keine Zeit, kein Geld, kein Glück / Ich bin eine Krise.“ Zumeist braucht es nur eine oder zwei Zeilen, in ewiger Wiederholung, zu einer Behauptung von Dissidenz fernab eines Weltverbesserungspathos. Die Berliner Band Die Türen definiert ihre Musik immer wieder neu, von Album zu Album, seit dem Erscheinen ihres Debüts „Das Herz war Nihilismus“ im Jahr 2004. Anfänglich hatte sie New Wave, Disco, Punk und Elemente von Schlager in einer derartigen Weise zusammengebracht, dass es dem Verdacht einer Rückwärtsgewandtheit spottete. Das war ganz entschieden Musik für diese Zeit – und das ist die zweite grundlegende Konstante in der chamäleonartigen Ästhetik, gültig auch für das neue Werk mit dem ein Programm der Offenheit fabelhaft auf den Punkt bringenden Titel „Exoterik“.

Allein schon die Ausmaße sind monströs. Ausschließlich auf Tripel-LP, oder eben als Stream. Derart laufen die Dinge in Zeiten sinkender CD-Verkäufe und einer – ungeachtet beachtlicher Zuwächse nach wie vor randständigen – Renaissance des Vinyls. Und ja: es ist ein ikonisches Prachtstück, das man da in den Händen hält, mit nichts als einer Pyramide aus goldenen Dreiecken auf hellrosa Grund. Das ist so schlicht wie pompös – und dieser Auftritt entspricht dem, was einen erwartet in einem irrwitzigen Trip von beinahe zwei Stunden Musik.

In einem bemerkenswerten Paradoxon wirkt diese Musik wie aus einem momenthaften Prozess der gemeinschaftlichen Improvisation heraus geboren und zugleich, was den Sound anlangt, ungeheuer detailgenau ausgefeilt. „Miete Strom Gas“: in den drei Worten des Stücks gleichen Namens schwingt doch ungemein viel mit.

In etlichen Stücken ist der Umgang mit der Sprache mitnichten auf eine mühelose Verständlichkeit hin angelegt, tief ist die Stimme oder der Chor in die instrumentalen Texturen verwoben. „Rave Regime“ verweist in einer Art musikalischer Polemik auf die Verwandtschaft zwischen Marsch und Technohousebeat, den beiden ungleichen 4/4-Takt-Brüdern.

Die primäre pophistorische Bezugsgröße ist der Krautrock Ende der sechziger und der siebziger Jahre, gleichermaßen der psychedelische Zweig wie auch der prototechnoide. Mit „Regionalexpress“ ergeht ein Gruß an Kraftwerk. Ähnlich einer Hippiekommune haben sich Die Türen – der Sänger Maurice Summen, der Bassist Ramin Bijan, Gunter Osburg an Gitarre und Keyboards sowie Chris Imler am Schlagzeug und Andreas Spechtl an Modularsystem, Keyboards und mitunter auch als Sänger – für die Aufnahmen im Sommer vergangenen Jahres fünf Tage lang in die Klausur des Gasthofs zur Eisenbahn in Ringenwalde in der Uckermark begeben; ein von Synthieflächen geprägtes Instrumental trägt ebendiesen Namen als Titel. Die Band selbst nennt, nachvollziehbar, Sun Ra und Funkadelic als Inspirationsquellen.

„Information ist der Unterschied / Der soziale Unterschiede macht“ – Affirmation oder Protest, das bleibt unbestimmt, ganz in der Tradition von Kraftwerk wie auch des deutschen New Wave. Ein Album von einer schier umwerfenden Wirkung. Das opus magnum dieser Band bis dato.

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