Alte Oper

Keine Besinnung im dichten Tönegestöber

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Philippe Herreweghe dirigiert eine schlanke, bewegte Johannespassion in Frankfurt.

Keine zwei Stunden, um genau zu sein 111 Minuten, dauerte die (pausenlose) Aufführung der Johannespassion unter Leitung Philippe Herreweghes. Das ist ein stolzes Ergebnis, zumal man im Großen Saal der Alten Oper bei den Frankfurter Bachkonzerten nicht den Eindruck hatte, durch das am Karfreitag 1724 in der Thomaskirche zu Leipzig von seinem Schöpfer Johann Sebastian Bach uraufgeführte Werk gehetzt worden zu sein.

Man war gleich zu Beginn angenehm überrascht worden durch den Klang von Chor und Orchester Collegium Vocale Gent – jener Ensemble-Einheit, die vor 48 Jahren von Herreweghe gegründet wurde. Eine ganz an den vorderen Podiumsrand herangerückte Spielerschar, umstellt von der einreihigen Phalanx des Chors – ein deutlicher Präsenzgewinn in dem Raum, wo sonst Originalklangliches auf Nimmerwiederhören in den Weiten und Höhen verschwindet. Jetzt hatten die 15 Chorsänger, die, von der Evangelisten- und Christusstimme abgesehen, auch alle Solo-Partien bestritten, eine annehmbare Präsenz. Eine nicht allzu üppige artikulatorische zweifellos, denn der Dirigent, ein Originalklang-Pionier, hielt mit kleinen in sich kreisenden Handbewegungen und meist mit der Nase in den Noten seine Musiker kurz.

Angesichts der dramatischeren der beiden Bach-Passionen kein Unglück. Allerdings blieb die eine oder andere der chorischen Stimmen in ihrer solistischen Erscheinung gegenüber den sie begleitenden Blasinstrumenten blass. Die freigestellten rezitativischen Partien Evangelist und Jesus kamen stärker zur Geltung; das markante Profil von Maximilian Schmitt und Kresimir Strazanac wirkten dabei wie die Maßstabsvergrößerungen der Heilsakteure auf mittelalterlichen Gemälden gegenüber den verkleinert dargestellten büßenden oder betenden Auftraggebern.

Der kompakte Eindruck des Ganzen hielt sich bis zuletzt, wenngleich das Fehlen jeden Moments von Besinnung, von Innehalten, einfach von Spannungsdifferenz und Nachwirksamkeit in solch endloser musikalischer Bewegung diese Passions-Darbietung von keiner anderen unterscheidbar machte. „Seinen Tod und sein Ursach / fruchtbarlich bedenken“, „rühre mein Gewissen“ – während ein Choral den nächsten Bericht, die nächste Arie, den nächsten Turba-Chor jagt. Nach dem Rezitativ „Und neiget sein Haupt und verschied“ fünf Sekunden Lücke, Öffnung, Abstand. Das einzige Mal im dichten Tönegestöber.

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