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Sie haben den Country-Mainstream verlassen: Shelby Lynne und Allison Moorer.

Cover-Alben

Kein Kiff, kein Chaos

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Stilvoll setzen Joan Osborne, Shelby Lynne und Allison Moorer zwei Cover-Alben in Szene.

Nach zwei Dutzend Soloscheiben und mehr oder minder erfolgreichen Phasen haben sich Shelby Lynne und Allison Moorer zu dem ersten gemeinsam eingesungenen Album entschlossen. Neun Fremd- und eine Eigenkomposition füllen unter dem Titel „Not Dark Yet“ eine Zeitspanne von 37 Minuten. Was die vormals im Country-Mainstream beheimateten Musikerinnen ausgewählt haben, darf als Überraschung gelten.

Tatsächlich gehören die Merle-Haggard- und Louvin- Brothers-Adaptionen zu den verzichtbaren Bestandteilen einer Veröffentlichung, die ein Dokument inniger Verbundenheit und tiefer Hingabe ist. Auf sich selbst geworfen sind die Schwestern seit dem 12. August 1986, als im heimatlichen Jackson/Alabama zwei Schüsse fallen: Zuerst tötet der Vater die Mutter, dann sich selbst.

Die 1968 geborene Lynne und die vier Jahre jüngere Moorer haben seit Kindheitstagen die Musik, mit der sie sich auf Irrwege begeben, vom Country zu R’n’B und Pop bewegen. Nach 13 Jahren im Geschäft bekommt die Ältere den Grammy als „Best New Artist“. In dem Film „Walk the Line“ darf sie 2005 die Mutter von Johnny Cash verkörpern.

Mit der linkspolitisch positionierten Allison Moorer und einer ausgesuchten Musiker-Crew – Benmont Tench, Doug Pettibone, Val McCallum, Ben Peeler – entsteht im sommerlichen Los Angeles von 2016 also jenes Cover-Album, das die unterschiedlichen Vorlieben ins Werk setzt. Glanzpunkt ist das von Jason Isbell geschriebene und sich durchseelt aufschwingende „The Color of a Cloudy Day“. Dass die Stimmen der Schwestern in ihrem Lösen und Wiederfinden ohne Fehl sind – wer möchte es bezweifeln?

Zwei meisterliche Sängerinnen, denen nur der Nirvana-Brocken „Lithium“ nicht recht gelingen will. Im geschmackvoll eingerichteten Haus ist der Rasierklingenritt nicht vorgesehen, bleiben die Wagnisse überschaubar. Dennoch. Vieles bietet mehr als nur bloßes Erinnern, schönes Schwelgen: Der eröffnende Killers-Song „My List“ ist eine ebenso eigenwillige Variation wie „I’m Looking for Blue Eyes“ von Jessi Colter oder Nick Caves „Into My Arms“. Auch – und das spricht für den vorherrschenden Musikgeschmack – hat es sich mittendrin Townes von Zandt bequem gemacht.

Bei dem Dylan-Cover „Not Dark Yet“ sind die Schwestern dann nochmals groß. Begleitet von einer Band, die es glühen und köcheln lässt, strahlt diese Gemme mit jeder Zeile heller. „I was born here and I’ll die here against my will / I know it looks like I’m movin’ but I’m standin’ still.“

Gänzlich auf den mächtigen Song & Dance-Mann verlässt sich Joan Osborne bei ihrer neuen Veröffentlichung. Das Ganze ist schmucklos mit „Songs of Bob Dylan“ überschrieben und enthält davon 13 Stück. Auf ewig wird der Name der in Kentucky aufgewachsenen und heute 55-Jährigen mit dem Hit „One of Us“ in Verbindung gebracht werden. Darüber ist die Sängerin und Gitarristin jedoch längst hinaus, hat als Frauenrechtlerin keine Auseinandersetzung gescheut, den musikalischen Vorlieben mittlerweile freie Bahn verschafft. 

Drei Studioplatten mit Soul- und Blues-Aneignungen hat sie bereits unters Volk gebracht, angeblich ist die Realisierung einer Reihe von „Songbook“-Alben in Planung. Für die „Dylan-Songs“ hat Joan Elizabeth Osborne nun weit ausgeholt, Material aus verschiedenen Schaffenszeiten zusammengestellt. Während einer Tour mit Gitarrist Jack Petruzzelli und Keyboarder Keith Cotton wurde die Auswahl erprobt, anverwandelt. 

Mit „Tangled Up in Blue“ gelingt ein federnder Einstieg, dem gleich die chaos- und kiff-freien, aber angejazzten „Rainy Day Women #12 & 35“ folgen. Unwiderstehlich dann, wie mit dem perlenden „Buckets of Rain“ ein wenig bekannter Dylan-Titel glanzvoll wiedergewonnen wird.

Die knapp 53 Minuten währende Reise steuert „Highway 61 Revisited“ und „Spanish Harlem Incident“ an, verweilt in „Dark Eyes“ und treibt hinweg im „High Water“. Immerhin drei Songs von der 1975er „Blood on the Tracks“ werden hier neu arrangiert, für die politische Haltung stehen am Ende der Strecke „Masters of War“ nebst „Ring Them Bells“. Letzteres ist „Oh Mercy“ entnommen – jener umstrittenen Dylan-Sammlung, die Joan Osborne einmal ihren „Prüfstein“ genannt hat.

Durchpulst sind beide Album-Neuheiten, stilvoll umgesetzt, fein austariert. Experimente, Kämpfe, Brüche aber finden keinen Ausdruck. Wie im Umgang mit Fremdmaterial gerungen und schließlich zur freien Interpretation gelangt wird, dokumentiert dagegen eine Platte, die vor fünf Jahren erschienen ist. Rickie Lee Jones hat auf „The Devil You Know“ vorgemacht, was drin ist. 

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