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Heino, das Original, hier im Jahr 1980.

Heino wird 80

Karamba, Karacho

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Oft parodiert, nie übertroffen ? Zum 80. Geburtstag des Volkssängers Heino.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ gab sich 1973 besorgt. Laut einer Umfrage des demoskopischen Instituts Wickert aus Tübingen gaben lediglich vier von hundert Befragten an, den Sänger Heino nicht zu kennen. 48 Prozent bekannten sich gar dazu, ihm positiv gegenüber eingestellt zu sein. Anlass genug für „Zeit“-Redakteur Manfred Sack, dem Erfolgsphänomen auf den Grund zu gehen.

Heino also. Um ihn zu beschreiben, so Sack, „genügen drei Merkmale vollauf: das semmelblonde Haar – das, um immer neue Zweifler zu beruhigen, nicht von einer Perücke stammt; die dunkle Brille – die, um auch das zu klären, keine von Imagemachern erfundene Identifizierungshilfe ist, sondern der Linderung eines Augenlidleidens dient; ein kräftiger Bassbariton – der vom Entdecker Bendix Rohdiamant genannt (…) worden ist.“

Als die „Zeit“ sich mit kulturkritischem Gestus des „deutschen Sängers der Einfalt“ annahm, hatte Heino bereits mehrere Gipfel seiner abwechslungsreichen Karriere bestiegen. Ja doch, die Berge! Das Lied „Blau blüht der Enzian“ ist einer seiner größten Hits, 1973 entstand dazu der gleichnamige Film mit Ilja Richter, Jutta Speidel, Hansi Kraus und Sascha Hehn. Ähnliches Personal bevölkerte auch die Lausbuben- und Schulfilme jener Jahre. Da mochte auch linguistische Expertise, wie Manfred Sack sie auf Heinos Repertoire mit Reizworten wie Fernweh, Heimweh, Herz, Schicksal, Treue, Wolken und Meer anwandte, wenig auszurichten.

„Karamba, Karacho“, so schien es immer weiter zu gehen, auch wenn es einer kritischen Öffentlichkeit zunehmend unbehaglich wurde, weil Heino und seine Macher – neben Ralf Bendix der Arrangeur Erich Bechtl und der Texter Adolf von Klebsattel – eher lustvoll als geniert sich am durch die Nazis kontaminierten Liedgut versuchten („Schwarzbraun ist die Haselnuss“). Heino war die von Bendix und Co. entworfene Gegenfigur zur Popkultur und deren demonstrativer Lässigkeit, und der Vorwurf der Volkstümelei sowie der Nachweis, dass manches seiner Stücke aus dem Liederbuch der SS stammte, focht ihn keineswegs an.

Was können die Lieder dafür, dass sie von anderen benutzt wurden, lautet Heinos stereotype Gegenfrage bis heute. Dessen Beharrungskräfte waren das eine. Was seiner anhaltenden Karriere zugute kam, war zudem die ironische Wende in den 80er Jahren. Die stets etwas ungelenke Kritik an Heinos willfährigem Dienst am tumben Deutschtum wich in dem kräftig durchgelüfteten Jahrzehnt überaus ehrgeizigen Versuchen, ihm durch parodistische Vereinnahmung zu begegnen. Erst jetzt fiel auf, dass Heino samt seiner typischen Erkennungsmerkmale einer Comic-Figur glich. Wenn schon die Mittel der herkömmlichen Kritik versagen, kann man es ja mal mit experimenteller Affirmation versuchen.

Am weitesten wurde diese Strategie von Norbert Hähnel alias „der wahre Heino“ vorangetrieben, der als Heino-Klon auftrat und damit bis ins Vorprogramm der Toten Hosen gelangte. Heinz Georg Kramm, wie Heino mit bürgerlichem Namen heißt, fand die Camouflage, die auch von Otto Waalkes aufgegriffen wurde, nicht lustig und zerrte Hähnel in einen Urheberrechtsstreit vor Gericht und erwirkte eine einstweilige Verfügung, der zufolge dieser seine Nachahmungskünste nicht länger zur Aufführung bringen durfte und außerdem ein Ordnungsgeld von 10 000 Euro zu entrichten hatte. Die Toten Hosen, Rocko Schamoni und Die Goldenen Zitronen spielten 1986 ein Benefizkonzert für Hähnel. Der nahm das Geld dankend an, weigerte sich aber, die Strafe zu zahlen und saß ersatzweise lieber 20 Tage Ordnungshaft ab.

Die Hähnel-Episode gehört zur künstlerischen Biografie Heinos schon deshalb dazu, weil dieser sich in seiner späten Karriere hemmungslos am Repertoire anderer Musikstile und ihrer Interpreten bediente. Heino als Rapper, Heino als eine Art Rammstein-Verschnitt, Heino mit einem Cover der Toten Hosen, Heino als Juror bei Dieter Bohlens „Deutschland sucht den Superstar“ – das sind die späten Stationen eines Sängers, der einst das ethnisch reine Gegenprogramm zum vielvölkerigen deutschen Schlager abgegeben hatte. Heino, der kurz vor Kriegsbeginn 1938 in Düsseldorf geboren wurde und vaterlos aufwuchs, scheint seine Authentizität nunmehr durch künstlerische Vervielfältigung unter Beweis stellen zu wollen. Parodie? Mach ich selber! In diesem Sinne singt er auf seinem jüngsten Album auch ein Lied, das vielfach als Hommage an Angela Merkel verstanden wurde.

Die angestrengten Versuche, ihm politische Rechtslastigkeit nachzuweisen, haben zuletzt wieder zugenommen. Heute wird der Mann, der es allen Sängern nach ihm nahezu unmöglich gemacht hat, auf der Singstimme Bassbariton eine Karriere zu gründen, 80 Jahre alt.

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