Staatstheater Wiesbaden

Ein kapitaler Hirsch

Kein Welttheater, aber eine präzise Komödie: Der Wiesbadener "Falstaff" des Choreografen Christian Spuck. Von Stefan Schickhaus

Von Stefan Schickhaus

Was für ein Mann! Dachte sich auch das Premierenpublikum und gönnte diesem Sir John Falstaff einen Sonderapplaus dafür, dass er sich zu Beginn des dritten Aktes aus der Themse beziehungsweise dem Orchestergraben zurück auf die Bühne wuchtete. Im Fluss war er als Inhalt eines Wäschekorbes zum Ende des zweiten Aktes gelandet, was einen gewaltigen Platsch gemacht haben musste. Denn dieser Falstaff ist ein kapitaler Hirsch, ein Pfund, mit dem man wuchern muss.

Christian Spuck hätte schon ein Narr sein müssen, den bulgarischen Bassbariton Kiril Manolov nicht ins Zentrum zu rücken. Regisseur Spuck, der Giuseppe Verdis späte Musikkomödie "Falstaff" für das Wiesbadener Staatstheater inszenierte, hatte hier die ideale Zentralgestalt: Einen jugendlichen Sänger von enormer Statur, alle um mindestens einen Kopf überragend, der sich dennoch bewegen konnte wie ein Reh. Und stimmlich saß dem Mann aus Sofia, der hier zu Lande noch unbekannt ist, die Partitur wie angegossen: Manolovs heller Bassbariton wirkt spielerisch agil, als Liebesnöter versteht er zu flöten und zu säuseln, selbst in der Kopfstimme macht er eine gute Figur.

Gute Figuren sind sie aber alle, die Beteiligten der Wiesbadener "Falstaff"-Produktion, denn sie wurden gewissenhaft behandelt. Spuck, der hier seine erste größere Opernarbeit vorstellte, ist Choreograf und gerade zum Nachfolger von Heinz Spoerli als Ballettchef der Zürcher Oper ernannt. Man sieht es an den Regiearbeiten etwa von Rosamund Gilmore, Reinhild Hoffmann oder Arila Siegert: Wenn Choreografen Opern inszenieren, haben sie den Bühnenraum und den menschlichen Körper meist perfekt im Griff.

Und dazu so viel Würde

So jetzt auch Spuck: Sein "Falstaff" ist kein überhöhtes Welttheater und hat sicher nicht die Tiefenschärfe, die Verdis Weisheitswerk gebühren würde. Doch hat Spucks Regie echte Qualitäten: Sie ist schnell und präzise, liebevoll im Detail, sie kümmert sich um jede Rolle und sorgt dafür, dass man in der Generalpause nicht nichts hört, sondern das Publikum vergnügt kichern.

Vor allem im ersten Akt hat Spuck neben Falstaff noch zwei Trümpfe in der Hand: Erik Biegel und Bernd Hofmann als urkomische Diener. Ihre Ensembleszenen waren zur Premiere auch sängerisch noch eine Spur mehr auf dem Punkt als die der weiblichen Gegenspielerinnen. Deren Wort- und Stimmführerin ist Sharon Kempton als Alice Ford, wie immer eine sichere Bank. Mit ihr verschwistert: Ute Döring als Meg, Emma Pearson als Nannetta und Diane Pilcher als Mrs. Quickley.

Das groß besetzte Hausensemble überzeugte in allen Partien, ebenso die Leistung im Orchestergraben, wo GMD Marc Piollet für einen gar nicht scheuen, nie pauschalen Verdi-Ton sorgte. Besonders die Holzbläser gingen da mit kerniger, aber genau ausgehorchter Attacke voran.

So dynamisch das Bühnentreiben, so gut eingespielt und ausgesungen die Ensembles: An der Zentralgestalt kommt keiner vorbei. Denn dass ein Bär wie Manolov in violettem Anzug, mit offenem Hosenstall und einer grotesken Frisur unterm Silberhelm (von Spucks regelmäßiger Bühnen- und Kostümbildnerin Emma Ryott angepasst) noch derart viel Würde ausstrahlen kann, ist einfach famos. Was für ein Mann!

Staatstheater Wiesbaden: 30. Januar, 5., 12. Februar. www.staatstheater-wiesbaden.de

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