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Gut artikulierende Rollenträger.

Kammeroper Frankfurt

Kammeroper: Die Verführungstänzerin

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Die Frankfurter Kammeroper mit der Geschichte von „Anna S., Tod einer Diva“.

Frauenschicksale in Oper und Welt sind das Markenzeichen der Kammeroper Frankfurt. Hier arbeitet die Spannung zwischen den Geschlechtern wie eh und je in nietzscheanischer Deutlichkeit: „Die Liebe, die in ihren Mitteln der Krieg, in ihrem Grunde der Todhaß der Geschlechter“ nirgends so deutlich formuliert ist „wie in dem letzten Schrei Don Josés, mit dem das Werk schließt.“ Bei Nietzsche geht es bei dem Werk um Georges Bizets Oper „Carmen“ und die Ermordung der Titelheldin durch Don José. Die neue Produktion der Kammeroper handelt von deren Darstellerin, der Sängerin der Stuttgarter Hofoper, Anna Sutter, die von ihrem ehemaligen Liebhaber und Hofopernkapellmeister Aloys Obrist 1910 ermordet wurde.

Oper gleich Leben, Schicksal der Primadonna auf der Bühne dem Schicksal der Diva im Bett gleich. Dort, wo der zum dionysischen Übermenschen unbegabte Kapellmeister und Musikwissenschaftler das Stuttgarter „Sutterle“, das nichts anbrennen ließ, mit zwei und sich selbst mit fünf Schüssen ins Jenseits beförderte.

Das ist der Plot des Abends in der Weihehalle der Unitarischen Freien Religionsgemeinde in der Fischerfeldstraße, wo sich in der Raum-Ellipse, die Alfred Schild 1960 realisierte, die Brennpunkte des Geschehens bilden. Rainer Pudenz, Bert Bresgen und Bernd Kissling haben einen Text-Lied-Mäander geschaffen, der die Stationen des kurzen Lebens der Sängerin (1871-1910) umschließt. Künstlerischer Aufstieg, Unterstützung durch Gönner, Liebe und Idolatrie des Kapellmeisters Obrist, ihr endgültiger Durchbruch mit „Carmen“ und dann der „Salome“ von Richard Strauss, wo sie die erste Sängerin war, die den Verführungstanz der „Sieben Schleier“ selber tanzte und nicht länger einem Double überließ.

Zopfige Männer-Rollen

Männliche Rollen, hier der Kapellmeister und der adelige Gönner, haben es bei der Kammeroper immer schwer. Mittlerweile völlig zopfig wirkt das Mantra vom „Potenzgehabe“ des Mannes, der „männlichen Mordlust“: Der abgestandene Sexismus gebiert aber immer wieder schöne Charakterzeichnungen, die in diesem Fall in den bizarr-komischen und sanft debil wirkenden Auftritten Harald Mathes als Sutter-Gönner wirksam sind. Auch der Pianist des Abends in der Rolle Obrists, Stanislav Rosenberg, hat einen Sprechauftritt, der von treffender Darstellung ist. Die Deutung soll sein: der Wagnerianer aus gutem Hause versinkt gleich einem musikalischen Professor Unrat in carmencitahafter Sinnlichkeit, der gegenüber er den bewaffneten Erlöser spielen will.

Analog zum männlichen „Potenzgehabe“ gibt es bei der Kammeroper immer ein irgendwie als revolutionär unterstelltes, frei-libidinöses Weiblichkeits-Idiom, das diesmal von Dzuna Kalnina verkörpert wird. Eine sich gestisch und mimisch gut artikulierende Rollenträgerin der Sutter, die dann Qualität gewinnt, wenn die gesanglichen Anforderungen wirbelnde, ins Aufgespreizte gehende Bewegung bedingen. Eine sich selbst dynamisierende Figur, die mit dem Schwung markanter Körperführung über vokale Klippen kommt.

Eine weitere Rolle spielt Yumico Noda als Geigerin, Momente der Atmosphäre leichter Muse zur vorletzten Jahrhundertwende vermittelnd. Thomas Peter bot Arien von Bellini bis Bizet mit großem, intonationssicherem Volumen. Als eine Art Muse der Eifersucht mit Lohengrin-Appeal hatte Manuela Koschwitz einen kurzen Auftritt.

Kammeroper  in der Unitarischen Freien Religionsgemeinde, Frankfurt: 12., 13. Dez. www.kammeroper-frankfurt.de

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