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Der Tenebrae Choir in der Basilika von Kloster Eberbach.  

Rheingau Musik Festival

Kammerchor Tenebrae in Kloster Eberbach: Himmlische Schönheit

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Der englische Kammerchor Tenebrae, übermenschlich beim Rheingau Musik Festival in Kloster Eberbach.

AHymn Of Heavenly Beauty“ hat der englische Kammerchor Tenebrae sein Programm beim Rheingau Musik Festival in der Basilika von Kloster Eberbach überschrieben, und himmlische Schönheit erfüllt den schlichten Kirchenraum. Sie verweist auf das aus der Antike in die Renaissance überkommene Verständnis, der Kosmos sei in Sphären organisiert, deren Bewegung Wohlklang erzeuge. Mit Musik aus dem 16. und 17. Jahrhundert bestreiten die 19 Sängerinnen und Sänger die erste Konzerthälfte. Darunter die „Burial Sentences“ von William Croft und Henry Purcell, seit der Beerdigung Händels 1759 regelmäßig Bestandteil von Staatsbegräbnissen im Vereinigten Königreich, dazu Kirchenmusik von Thomas Tallis und Antonio Lotti.

Die Renaissance-Mode der Mehrchörigkeit inspiriert Tenebrae dazu, den Raum der Basilika zu nutzen. Mal treten Einzelstimmen, mal Stimmgruppen in Dialog – auch mit dem Gebäude: Unter der himmelhohen Decke des Altarraums klingt der Chor völlig anders als unter dem niedrigeren Gewölbe des Seitenschiffs.

Ohnehin ist der Farbenreichtum, den Chorleiter Nigel Short aus seinem Ensemble zaubert, gigantisch: verschattete Trauermusik und strahlendes Halleluja; stille, transparente Passagen und kraftvolles Forte, als seien Posaunen unterm Podest versteckt. Wenn Sängerinnen und Sänger im Mittelgang direkt neben Zuhörern stehen, jede Nuance jeder einzelnen Stimme deutlich wird, halten ganze Sitzreihen den Atem an. Das sehr informative Programmheft bringt den Besuchern auch Komponisten wie „One-Hit-Wonder“ Gregorio Allegri nahe. Sein „Miserere“ könnte als Best-Practice-Beispiel für den werblichen Effekt künstlicher Verknappung herhalten: Jahrhundertelang durfte das Werk nicht kopiert und nur an Karfreitag in der Sixtinischen Kapelle aufgeführt werden und wurde eben darum berühmt.

Nach der Pause springt der Chor ins 20. Jahrhundert. John Taveners „Funeral Ikos“, „Hymn to the Mother of God“ und „Song for Athene“ erklingen. Vor allem letzterer, 1997 weltweit bekannt geworden durch die Live-Übertragung der Beerdigung von Diana, Princess of Wales, rührt mit inniger Schönheit zu Tränen.

Als säße er an einem Regler

Seit der Gründung von Tenebrae 2001 steht der Chor im Ruf übermenschlicher Präzision – zu Recht: jeder Zischlaut perfekt unisono, jedes „Amen“ genau abgezirkelt, jeder Wechsel der Farbe exakt im Einklang. Es ist, als drehe Chorgründer Short, einst Mitglied der A-Cappella-Gruppe King’s Singers, an Reglern: dunkler hier, leuchtender da, mehr Schärfe dort. Aus dieser Präzision entsteht geballte Emotion. Eric Whitacre, Jahrgang 1970, steuert ein aus Harmonieflächen geschichtetes „I Thank You God“ bei.

So abwechslungsreich kann ein Konzert sein, bei dem nichts erklingt als menschliche Stimmen, ohne Effekthascherei, allein aus der Kraft der Musik. Das Publikum applaudiert begeistert im Stehen.

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