Alte Oper

Der kalte und der heiße Klang

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Noch mehr Atmosphären und eine Geisterbeschwörung mit dem hr-Sinfonieorchester in der Alten Oper Frankfurt.

Auch die Klangwolke, wie sie in einem von Autos befahrenen Tunnel entsteht, hat eine bestimmte Atmosphäre. James Tenney, der wie György Ligeti 2016 verstarb, hat aus der Erfahrung seiner Autofahrten im Tunnel unter dem Hudson River in New York eine elektronische Komposition gemacht, die im selben Jahr wie Ligetis „Atmosphères“ entstand: 1961. Graduelle Veränderungen in dem motorengenerierten Rauschen mit seinen geschossartigen Doppler-Effekten und seinem fast naturwüchsig wirkenden Sog.

„Analog #1: Noise Study“ lautet der Titel der knapp 5 Minuten, mit denen das HR-Sinfonieorchester sein Konzert im Rahmen des Musikfests der Alten Oper eröffnete. Wo der 1934 geborene Tenney Real-Geräusche in elektronischen Klang verwandelte, hat Ligeti die Formanten elektronischer Musik in den Klang des großen Sinfonieorchesters transferiert.

Ligetis Werk – das Mottostück des Musikfests der Alten Oper – folgte jetzt im Großen Saal ohne Unterbrechung auf Tenneys „Noise Study“ und machte die Differenz von kaltem und heißem Medium lebhaft erfahrbar. Die in sich graue und blindwütige Klangstrecke im akustischen Tunnelblick und die Weite der sich im Raum dehnenden Klangfläche.

Mit der Koreanerin Unsuk Chin kam eine im Jahr der Entstehung der Stücke Tenneys und Ligetis geborene Komponistin zu Gehör, die man jüngst mit dem Ensemble Modern in einem höchst vehementen Werk hören konnte. Bildhaft ging es auch in „Le silence des Sirènes“ für Sopran und Orchester zu, das 2014 entstand. Eine Art Vokal-Konzert, in dem die Stimme der Sirene mit vertontem Text aus James Joyces „Ulysses“ und dem homerischen Ursprungstext sich im dichten und vielgliedrigen Orchesterklang behaupten muss. Marisol Montalvo hat phänomenal ihren Sopran den halsbrecherisch grimassierenden Vokalisen und den schweifenden Extremhöhen anzuschmiegen verstanden. Christoph Eschenbach dirigierte das höchst differenzierte Orchester souverän und wohl weniger auf dramatische Zuspitzung denn auf klangfarbliches Profil setzend.

Nach der Pause Anton Bruckners 7. Sinfonie, die wie eine Geisterbeschwörung erschien, die der Brucknerschen Sirene oder seinem Abgott galt. Richard Wagners Tod, um den hier alles kreist, erschien im Dirigat Eschenbachs wie eine antagonistische Re-Animation, was besonders für die beiden ersten Sätze galt. Das Adagio war ein Wagner-Appell und eine Liebeserklärung zugleich. Ein riesenhaftes Memorial mit gewaltiger Nekro-Apotheose gegen Schluss. So wie das klang, war der Vorbildcharakter dieses Satzes für das Adagio der 9. Sinfonie, dem antizipierten Todes-Gedenken des Komponisten für sich selber, offensichtlich.

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