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Kaja Draksler, Susana Santos Silve: Zwei Unbeirrbare

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Susana Santos Silva. Foto: Palma Fiacco
Susana Santos Silva. Foto: Palma Fiacco © Palma Fiacco

Traditionen vergessen machen: Das Album „Grow“ des Duos Kaja Draksler und Susana Santos Silva.

Der Titel, „Grow“, ist grafisch aus dem Cover schon ein Stück nach oben hinaus gewachsen, aber noch lesbar. Es kann also sein, dass hier etwas ziemlich schnell und raumgreifend vorangegangen ist und weiter wächst.

Die Pianistin und Komponistin Kaja Draksler, geboren in Kranj, Slowenien, und die Trompeterin und Komponistin Susana Santos Silva aus Porto, Portugal, gehören zu den originellsten Stimmen der europäischen Musik im weiten Niemandsland zwischen komponierter E-Musik und non-idiomatischer Improvisation – einem Niemandsland, in dem kaum etablierte Traditionen existieren, so dass jede und jeder auf sich selbst und seine Partnerinnen oder Partner verwiesen ist.

Kaja Draksler arbeiten unter anderem als Pianistin des Trios Punkt.vrt.Plastik mit Christian Lillinger und Peter Eldh, dem der Deutsche Jazzpreis 2022 zuerkannt wurde, sie leitet das Kaja Draksler Octet und hat in mehreren kleineren Besetzungen und auch solo von sich reden gemacht. Susanna Santos Silva hat unter anderem unlängst mit einem Quintett das Album „Life and Other Transient Storms“ aufgenommen und gilt als zurzeit profilierteste Klangforscherin und klanglich-technische Revolutionärin des Trompetenspiels in der europäischen Improvisations-Szene; darüber hinaus mischt sie sich intensiv mit diskreten elektronisch erzeugten Klängen ins Geschehen.

Im Duo haben die beiden ihr erstes Album „This Love“ vor sieben Jahren veröffentlicht und sind live 2016 auf dem Pfingst-Festival in Moers aufgetreten; ein Auftritt in Moers kann als eine Art Durchbruch gelten. Beide haben ihre Lebensmittelpunkte mittlerweile im Skandinavischen, Kaja Draksler in Kopenhagen, Susanna Santos Silva in Stockholm. Beide sind also auch biografisch in der Lage, sich über Grenzen hinwegzusetzen.

Das ALbum:

Kaja Draksler, Susana Santos Silva: Grow.

Intakt Records/ Harmonia Mundi.

Gemeinsames Fließen

Die vier langen Stücke des Albums – zwischen siebeneinhalb und 13 Minuten – sind bedachtsam gebaut und dabei prall gefüllt mit spontanen Reaktionen, Interaktionen und Provokationen, die sich wie Puzzleteile zu langen Bögen zusammenfügen. Auch wenn die Stücke viel Luft enthalten, kommt nie der Eindruck von Ereignisarmut auf. Die Musikerinnen erproben variable Tempi und gedehnte Rubato-Passagen, sie reagieren kommentierend, fortschreibend und kontrastierend aufeinander und finden gemeinsame Fließbewegungen, sie konfrontieren sich mit vielfältig schillernden Farbgebungen und stockendem Puls und bleiben nie eng beieinander in kleinen Räumen, sondern suchen immer das nächste Fenster zum Öffnen und Hinausblicken.

Unterschiede zwischen komponierten und improvisierten Strecken sind nicht erkennbar. Es wäre nicht weiter erstaunlich, wenn all das weitgehend geplant und notiert wäre, das würde das perfekte dynamische Gleichgewicht und die profunde Ruhe in den musikalischen Aktionen erklären und das, was im Fußball „schnelles Umschaltspiel“ genannt wird, strukturell plausibel machen.

Es wäre aber durchaus auch plausibel, dass all das, was da zu hören ist, improvisiert ist und zu einem Prozess gehört, in dem zwei unbeirrbare Klangforscherinnen alles, was sie an traditionalem Ballast in der Musik mit sich führen, revidieren, überarbeiten und vergessen machen wollen. So wächst der Bestand an Gemeinsamkeiten jenseits jeglicher musikalischen Idiomatik.

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