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Tirzah denkt musikalisch ein gutes Stück weiter.

Tirzah

Kahle Riffs, realistische Liebe

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Das Debüt von Tirzah ist ein Wunderwerk in schleppender Langsamkeit.

I’m Not Dancing“ lautete der Titel der Dancefloornummer, mit der Tirzah 2013 für ein erstes großes Aufsehen sorgte. Es liegt eine Ironie darin, dass man das im Nachhinein als prophetisch deuten kann. Heute nämlich macht die in Essex geborene und seit langem im Süden von London lebende Musikerin eine zukunftsweisende Musik – die für den Tanzboden ganz und gar nicht taugt.

In einer faszinierenden Art flüchtig sind die skizzenhaft reduzierten elektromusikalischen Texturen auf ihrem nach drei anders gelagerten EPs nun herausgebrachten Debütalbum „Devotion“ – Hingebung also -, das Tirzah Mastin wiederum im Duo mit ihrer schon seit jungen Jahren beständigen elektronischen Musikerin Mica Levi alias Micachu produziert hat. Gleich bei „Fine Again“, der ersten Nummer, hat man den Eindruck, der Song sei vorbei, bevor er überhaupt richtig angefangen hat. Fortwährend stockt die flirrende Musik von Orgel und E-Piano, die mit dem Autotune-Effekt verfremdete Stimme der 30-Jährigen desgleichen.

Bei den elf Songs handelt es sich um Wunderwerke eines avantgardistischen Umgangs mit der Songform. In seiner schleppenden Langsamkeit ist das wie bei Mazzy Star oder James Blake, aber ein Stück weitergedacht. Ein beträchtliches Stück.

In „Say When“ trägt ein einziges nacktes Klavierriff praktisch den ganzen Song, mit nichts dazu als ein paar sporadischen rhythmischen Akzenten. „Holding On“ ist unvermuteter Dinge ein basslastiger Stomper, gleichfalls unter den Vorzeichen eines sparsamen Arrangements. Bei „Guilty“ indes handelt es sich um eine R-&-B-Ballade mit Metalgitarre; die autotune-manipulierte Stimme wird obskur chorisch aufgefächert. In „Go Now“ überschreibt Tirzah Gospel und Soul zeitgenössisch.

Untergründig schwingt auch eine gewisse Referenz an Prince mit, im Sinne einer verschleierten Funkyness. Ein Großmeister der Reduktion ist Prince bekanntlich auch gewesen, allerdings in einer ganz anderen Manier. Und so deutlich der Bezug auch ist, handelt es sich doch um eine so noch nie gehörte Klangwelt, die den Einfluss von Dubstep und Grime erkennen lässt. Tirzah selbst indes nennt Soulsänger der alten Schule wie Al Green, Barry White und D’Angelo als Vorbilder.

Hingabe – die Auffassung von Liebe, die sich in den Texten von Tirzah vermittelt, ist geprägt vom Wunsch nach Wahrhaftigkeit. Gesungen in einem intimen, wie vertraulich zu einem sprechenden Gesangsstil. Da geht es nicht um ein romantisches Gespinst, sondern um Liebe im 21. Jahrhundert. Mit Bodenhaftung, fern von Larmoyanz. Und doch handelt Tirzah in realistischer Art von der Liebe als Utopie. Die lebbar ist, solange nur zwei mitspielen.

Ihre Arbeit als Modedesignerin hatte sie aufgegeben und mehrere Jahre lang an diesem großen Wurf gearbeitet, zusammen mit Mica Levi, die sie schon während ihres Studiums der Harfe an einer privaten Londoner Musikschule kennengelernt hat und die heute als Komponistin von Orchesterstücken, Filmkomponistin – mit einer Oscar-Nominierung – wie auch als DJ und Technoproduzentin oder mit ihrer wavigen Band Micachu and the Shapes erfolgreich ist. Dass die beiden auch anderes können, haben sie gezeigt. Man darf auf neue Wendungen gespannt sein.

Tirzah: Devotion. Domino/GoodToGo.

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