Bob Dylan

Wo kämen wir hin, wenn er Danke sagte

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Niemand verhunzt seine Songs hochwertiger als er: Literaturnobelpreisträger Bob Dylan im Mainzer Volkspark.

Niemand verhunzt seine eigenen Songs so gekonnt wie Bob Dylan. Pardon: Ein Literaturnobelpreisträger verhunzt nicht. Er interpretiert, dekonstruiert, bricoliert.

Im Mainzer Volkspark entstehen daraus große Momente. „Scarlet Town“ etwa, vom Album „Tempest“ von 2012, dem letzten mit neuen Dylan-Songs: eine filmdichte Kleinstadtbeschreibung, Efeublätter, Silberdornen, Bettler am Tor in den heißen Mittagsstunden; die Musik tief im Westen daheim, wüstentrunken, staubgestrahlt und unheimlich dicht; Dylans Stimme ein tiefes, heiseres Röhren.

Oder „Like A Rolling Stone“: Einige Zeilen vor dem Refrain unterbricht der treibende Rhythmus, die Band plinkert zu frei phrasierten Zeilen, bevor sie zu „How does it feel“ wieder saftig einsetzt. Das funktioniert. Der besoffen vor sich hin stolpernde Takt von „When I Paint My Masterpiece“ dagegen, nun ja.

Der Meister wirkt gut drauf. Fast durchweg im Stehen bedient der 78-Jährige sein Klavier, nimmt später sogar den Hut ab. Zum Dialog mit dem Publikum lässt er sich deshalb noch lange nicht hinreißen. Kein „Guten Abend Wiesbaden“ (!), kein „Thank you“ für Applaus, wo kämen wir hin. Immerhin: Artige Verbeugung am Ende.

Auch die Band stellt er nicht vor: Ich bin der Herr, dein Bob, du sollst keine anderen ... Donnie Herron an Steelgitarre, Elektromandoline, Banjo und Geige, Tony Garnier am Bass, George Recile hinter den Drums und Charlie Sexton an der Gitarre sind seit Jahren Teil der „Never Ending Tour“. Sie ahnen voraus, wo Dylan hinwill, und geben ihm Raum.

Gitarre spielt Dylan schon lange nicht mehr auf der Bühne, man munkelt von Arthritis. Den Stutzflügel schlägt er perkussiv wie eine große schwarze Glocke. Seine Stimme ist lebendig, wandlungsfähig, kraftvoll, die Narben und Kratzer eine Bereicherung, das sonst manchmal nervige nasale Nölen nur eines von vielen Ausdrucksmitteln. Wenn er zur Mundharmonika greift, geht ein Jubel durch die Reihen.

Die Setlist seiner Konzerte variiert Robert Allen Zimmerman nur noch wenig. „Things Have Changed“ aus dem Wonderboys-Soundtrack von 2000 macht wie immer den Anfang, es folgen „It Ain’t Me, Babe“, „Highway 61 Revisited“ und „Simple Twist of Fate“. Je vier Songs von „Tempest“ und von „Time Out of Mind“ (1997) sind dabei, der Rest verteilt sich über Alben und Schaffensphasen.

Fotografieren ist streng verboten bei Dylan-Konzerten, für Presse wie Publikum. Es ist zwar angenehm, die Bühne nicht durch einen Wald von Smartphone-Bildschirmen betrachten zu müssen. Aber die Aggressivität, mit der Sicherheitsleute jedem Verdacht auf einen Verstoß nachgehen, befremdet. Fast möchte man einen Protestsong anstimmen, „Blowin’ in the Wind“ etwa.

Das kommt als erste von zwei Zugaben vor „It Takes a Lot to Laugh, It Takes a Train to Cry“. Auch der König der Lagerfeuer-Songs klingt ganz anders als neulich im Budweiser-Spot, wird zerlegt, zerhackt. Wer ihn so hören will, wie Dylan ihn 1962 zum ersten Mal sang, muss nach dem Konzert draußen im Park einem der vielen Straßenmusiker lauschen. Niemand spielt Dylan so originalgetreu wie sie. Jedenfalls nicht Dylan.

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