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Silvia Sauer und Uwe Oberg.

Just Music

„Just Music“ in Wiesbaden: Manches zur freien Verfügung

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Klangbänder und Spielformen: Das 20. Wiesbadener „Just Music“-Festival.

Kann man noch auf Massenveranstaltungen gehen? Einerseits ist die Gefahr, in eine solche zu geraten, bei einem Jazzfestival gering – aber was erwartet Festivalbesucher jenseits des Jazz? Das Wiesbadener „Just Music“, Untertitel „Beyond Jazz“, folgt der Idee, einen Teil des Publikums zu erfreuen und den Rest mit etwas zu konfrontieren, wovon es überrascht sein könnte. Sechs Mal ändert sich die Konstellation der Publikums-Segmente, jede Band schlägt einen anderen Weg ein.

Einmal gibt es sogar Jazz. Das geschieht am zweiten Abend, als das britische Quartett um den Pianisten Alexander Hawkins und die Vokalistin Elaine Mitchener die Bühne entert und sehr frei und vergleichsweise turbulent, aber mit langen, leisen Anspannungsperioden agieren. Einmal mehr zeigt sich da, wie nahe der Jazz auch dem bleibt, was jenseits von ihm liegt.

Zwei Projekte beschäftigen sich mit elektronisch gestützten und erweiterten Improvisations-Konzepten. Die Vokalistin Silvia Sauer und der Pianist Uwe Oberg dehnen Klangbereiche und Formprinzipien der herkömmlichen Liedform ins Offene. Sängerische und instrumentale Interpretation von Texten ist nicht die verbindliche Grundlage, statt dessen entstehen aus Silben, Haltungen, Loops und präparierten Klavierklang-Strecken eigenwillige, bewegte und stets transparente Klang-Tableaus. Das Oktett Click & Faun dagegen inszeniert einen musikalischen Prozess, der anfangs fast tektonisch klingt, später auch die Gestalt eines massiven, mäandernden Klangbands annimmt, dazwischen fast archaisch wirkende melodische Phrasen zelebriert und dekonstruiert.

Es wird durchaus gesungen

Auch jenseits des Jazz wird durchaus noch gesungen, improvisiert und lustvoll aktualisierend in traditioneller gefüllten Kisten gekramt. Das Sextett „Hütte“ um den famosen Schlagwerker und Komponisten Max Andrzejewski spielt und singt (Stimme: Cansu Tanrikulu) liebe- und fantasievoll die schrulligen Songs des Ex-Soft-Machine-Drummers Robert Wyatt. Es geht elektronisch und klangselig zu, und nicht zuletzt Tobias Hoffmanns Gitarrensoli zwischen Country, Bottleneck-Wimmern und Fünfzigerjahre-Twäng-Sound liefern dem Festival schon zu seinem Auftakt einen seiner Höhepunkte. Sehr zeitgemäß sarkastisch übrigens der Songtext „We can drink our politics away / starting in the middle of the day.“

In dem ungewöhnlich besetzte Oktett Big Enso um den Kontrabassisten Stefan Schönegg wechseln und dehnen die Instrumente ihre angestammten Rollen. Snare Drum und Pauke verhalten sich oft als Streichinstrumente, Flöte und Saxofon arbeiten perkussiv wie auch die drei Streicher und Streicherinnen an Cello, Gambe und Bass. Das Ensemble erzeugt mit hellhöriger Behutsamkeit und im verschwiegenen Konsens einen fragilen Klangstrom, feinsinnig differenziert und von einer leise flackernden Wärme, der ohne intensive Farben auskommt. Die Phrasierungen überlassen manches dem Hörer zur freien Verfügung, die Bezugnahme auf formstrenge und luftige japanische Kalligraphie im Namen der Band ist plausibel.

Und schließlich das Quartett Quartabê um die brasilianische Schlagwerkerin Mariá Portugal, die in diesem Jahr beim Pfingstfestival in Moers „Improviser in Reidence“ ist. Die Musik dieser Band ist offenbar weitgehend ausnotiert und verortet sich weit jenseits des Jazz, eher in klanglicher Nähe zu einer choralhaften Popularmusik. Zwei Klarinettistinnen/Bassklarinettistinnen intonieren rhythmische Riffs oder melodische Phrasen, die dunkel und mystisch daherkommen und zuweilen parallel gesetzt sind, von links gluckert, klickert und schwirrt etwas Elektronisches, und rechts groovt Mariá Portugal in relativ ungeraden Metren. Beyond Samba.

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