Junge Kantorei

Und wir setzen uns wirklich in Tränen nieder

  • schließen

Die Junge Kantorei Frankfurt führt die Matthäuspassion auf.

ines der längsten Werke zumindest des deutschen Barock ist die Matthäuspassion, und die Aufführung in Frankfurts Heiliggeistkirche im ehemaligen Dominikanerkloster machte das besonders deutlich. Denn die Junge Kantorei unter ihrem Dirigenten Jonathan Hofmann schlug ein gemäßigtes Tempo an, das von manch anderer historisch ambitionierter Interpretation abwich.

Das zeigte sich auch bei der Dirigierweise des 2014 als Nachfolger für Joachim Martini gewählten jungen Leiters der Jungen Kantorei. Der sucht offensichtlich eine Artikulation zu vermitteln, der ein Durchmarsch mit Höchstgeschwindigkeitsambition ganz unangemessen wäre. Biegsam, in gerundeter und auslaufender Gestik war die Zeichengebung, die den im hinteren Teil des Chorraums akustisch nicht optimal postierten Sängern galt. Ganz im Gegensatz zum davor spielenden Orchester, das bestens präsent war. Trotz der Tiefvolumen-Mulmigkeit des chorischen Klangbilds war die fließende und ineinandergeschlungene Formation des Vokalkörpers exponiert. Sie erzeugte einen eher pietistisch animierten denn lutherisch aussagenden Ansatz in der sinnenhaften Vermittlung der leidvollen Heilstaten in Jerusalem und auf Golgatha.

Bachs Passionen und Kantaten sind Verkörperungs- und Habitus-Kunst, die ästhetische Hilfestellung für Transgressionen bietet. Sich in eine Haltung des Besinnens und Nachstellens bringen in Momenten der Manifestation, des Gebetshaften, der Betrachtung, der Affektation und Information in einem großen Zug.

Dafür gab es teilweise schöne und ergreifende Beweise in der Aufführung zwischen dem Eingangschoral „Kommt ihr Töchter, helft mir klagen“ und dem Schlusschoral „Wir setzen uns mit Tränen nieder“. Gegen Ende des ersten Teils, im „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ – da waren die Reserven offensichtlich kurzzeitig verbraucht, ließ die Spannkraft nach und entstand Geläufigkeit, die ansonsten nicht zum Tragen kam.

Kein Säbeln, kein Huschen

Großen Anteil an der Artikuliertheit hatte das phänomenale Barockorchester der Jungen Kantorei, auch in den duettierenden Partnerschaften mit den vokalen Solos. Nirgends das übliche Durchsäbeln oder Herunterhuschen, sondern auch farblich kraftvolle Figur. Heike Heilmann völlig höhenunangestrengt und Ulrike Malotta mit leuchtendem Alt überzeugten ebenso wie Tenor Christian Rathgeber, der nur manchmal in der Engagiertheit seines Berichterstatteramts intonatorisch übers Ziel hinausschoss. Der Jesus-Bass Felix Rathgebers war rein und Matthias Horn (Bass) bot die reichhaltigste und geschmeidigste ariose Solo-Artikulation des Abends.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion