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Julia Jacklin „Pre Pleasure“: Hör auf zu rauchen

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Von: Stefan Michalzik

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Nichtraucherin Julia Jacklin. Foto: Nick Mckk
Nichtraucherin Julia Jacklin. © Nick Mckk

Für jede Nummer ein spezieller Dreh: Das Folkpopalbum „Pre Pleasure“ von Julia Jacklin.

Vor allem Céline Dion habe sie viel gehört in der Zeit, in der sie diese Songs für dieses Album geschrieben habe, sagt Julia Jacklin im Infoblatt ihrer Plattenfirma zu „Pre Pleasure“, des weiteren Robyn und Luther Vandross. Sie selbst sei introvertiert und versuche, cool zu sein, Dion hingegen „dramatic as hell and incredibly cheesy“, dramatisch wie Hölle und unglaublich kitschig. Als Referenzquelle im Popdiskurs gilt Céline Dion für ungefähr so glaubwürdig wie Phil Collins. Jacklin jedoch sagt, Dions Musik habe ihr geholfen, über sich selbst hinauszuwachsen.

Eben das ist es, was die australische Singer/Songwriterin immer wieder aufs Neue anstrebt. Album um Album arbeitet sie darum mit neuen Produzenten. Ihr Geheimnis bestehe darin, dass sie sich immer ein bisschen unwohl fühlen müsse beim Schreiben von Songs.

Deshalb hat die Musikerin, die als Kind eines Lehrerpaares in den Blue Mountains im Hinterland von Sydney aufgewachsen ist und heute in Melbourne lebt, zum Schreiben und zur Aufnahme des Albums eine neue Umgebung gesucht und ist vorübergehend ins kanadische Montreal übergesiedelt. Erstmals sind die Songs größtenteils am Keyboard entstanden, nicht an der Gitarre.

Im Kern handelt es sich bei „Lydia Wears a Cross“, dem ersten, um eine Folkballade, doch er ist durchzogen vom schnurgeraden Pluckern einer Beatbox. Das ist das grundlegende Prinzip: die Arrangements geben jeder Nummer einen speziellen Dreh. In einigen wird Julia Jacklins Folkstimme von nicht mehr als einem Instrument begleitet, dem Klavier oder der Hammondorgel etwa.

Das Album:

Julia Jacklin: Pre Pleasure. Transgressive/PIAS.

Mal klassisch, mal düster

In anderen Songs von einem Streichorchester, für das Owen Pallet die Arrangements geschrieben hat. Die Ballade „Less Than a Stranger“ singt sie ganz klassisch zur akustischen Gitarre, „I Was Neon“ hingegen wird von einer rockenden Riffgitarre getragen; in „Love, Try Not To Let You Go“ brettert gar zum Refrain ein metalhaft düsterer Sound herein – derweil die Stimme ungerührt fortfährt.

Mitnichten stellt sich das Album aber als ein buntscheckiges Sammelsurium dar: es ist Julia Jacklins warmherziger Folkgesang, der alles zusammenhält. Produziert hat die studierte Sozialarbeiterin ,,Pre Pleasure“ zusammen mit Marcus Paquin, der schon für Arcade Fire, The National und Timber Timbre gearbeitet hat. Unter anderem haben Ben Whitley und Will Kidman von der kanadischen Folkband The Weather Station multiinstrumentalistisch mitgewirkt.

Es ist die Angst vor Verletzung und Trennungsschmerz, um die es in den Texten geht. Und eine Unmöglichkeit der Verständigung – im Privaten wie auch mit Blick auf den Zustand der Menschheit, wie Jacklin erklärt. „Less Of a Stranger“ handelt von der heiklen Beziehung zu ihrer Mutter. Die Zeilen „Please stop smoking, I want your life to last a long time/ If you don’t stop smoking, I’ll have to start shortening mine“ – wenn du nicht aufhörst zu rauchen, muss ich zusehen, dass auch ich mein Leben verkürze – stellen womöglich die innigste Liebeserklärung dar, die eine Nichtraucherin einer Raucherin machen kann.

Die tatsächlichen Referenzpunkte für dieses außerordentliche, in seiner unprätentiösen Raffinesse bestrickende Folkpopalbum sind Aimee Mann oder auch Aldous Harding – ganz gewiss nicht Céline Dion, die Königin der pompösen „Powerballade“, sei sie meinetwegen eben der „spirituelle Leitstern“ gewesen.

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