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Julia Hülsmann Quartett „The Next Door“: Eine Geschichte aus vier Handschriften

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Julia Hülsmann und ihre Mitmusiker. Foto: Peter Hundert/ECM Records
Julia Hülsmann und ihre Mitmusiker. Foto: Peter Hundert/ECM Records © Peter Hundert Photography

Das Julia Hülsmann Quartett und sein ungewöhnliches Album „The Next Door“

Niemand kommt hier mit leeren Händen an, auch wenn Julia Hülsmanns Eröffnungsstück „Empty Hands“ heißt. Es ist eine Komposition, die nicht mit der Tür ins Haus fällt, die keine komplizierte Materialsammlung in den Ring wirft, sondern einladend etwas wie eine weiße Leinwand anbringt: Bitte, liebe Mitmusiker, gesellt euch dazu! Das tun sie dann auch. Und während sich drei sukzessiv und scheinbar zwanglos einflechten, registriert man, dass die Eröffnungsakkorde keineswegs ganz leer waren, sondern einen Vorschlag mit komplexen Folgen unterbreitet haben.

So bekommt Julia Hülsmanns Musik etwas Doppelbödiges: Ihr Klavierspiel ist geprägt von Schönklang, Intensität und effektvoller Einfachheit, aber das ist Ergebnis einer klugen und sorgfältigen Reduktionsarbeit. Dahinter verbergen sich reichhaltige, aus verschiedenen Kontexten und mit unterschiedlichen Temperaturen bezogene Ideen, Wendungen, Komponenten. Die Schönheit dieser Klaviermusik nährt sich zu beträchtlichen Anteilen aus Dingen, die nicht gespielt werden, sondern als Möglichkeiten mitschwingen, mitklingen.

Aber es ist ja nicht nur Klaviermusik, es ist ein Quartett, bei dem die Bandleaderin und Pianistin nicht darauf besteht, das erste und letzte Wort zu haben. Jedes Quartettmitglied ist mit eigenen Kompositionen vertreten und trägt zum lyrischen Gesamtkonzept bei. Niemand ragt heraus, dennoch ist die Musik alles andere als ein vorsichtig-rücksichtsvolles Miteinander.

Das Album:

Julia Hülsmann Quartett: The Next Door. ECM Records.

Etwas ins Wasser werfen

In ihren Improvisationen vermittelt die Gruppe den Eindruck eines internen Vertrauens, das es jedem und jeder ermöglicht, sehr eigene und überraschende Beiträge zu produzieren und sich darauf zu verlassen, dass die anderen damit schon etwas anzufangen wissen. „Man kann immer etwas ins Wasser werfen und in Ruhe schauen, was passiert“, charakterisiert Saxofonist Uli Kempendorff die Improvisationspraxis der Band. So entsteht ein komplexes lyrisch-melodisches Gesamtgeschehen, das zugleich konzentriert und vielgestaltig ist.

Die zwölf Stücke des Albums vereinigen vier höchst individuelle Handschriften zu einer gemeinsamen Geschichte. Hülsmanns Komposition „Made Of Wood“ erzählt mit Wärme und einer gewissen Festigkeit etwas ganz anderes als Marc Muellbauers „Wasp At the Window“, und Kempendorffs „Open Up“ ist vielleicht das melodisch komplizierteste Stück des Albums, aber eben auch überaus melodisch. Jede Komposition setzt anders an, immer wieder werden die Karten neu gemischt, mehrfach wird auch das Spiel gewechselt, das gespielt wird. „Jetzt Noch Nicht“ zum Beispiel gibt es einmal als klarsichtiges Duo mit Kempendorff und Hülsmann, später als stimmungsvoll-expressives Stück des Quartetts. Und Heinrich Köbberlings „Post Post Post“ kommt daher als filigrane Gruppenimprovisation mit Tiefgängen und Untiefen.

„Sometimes It Snows In April“ allerdings stammt nicht von einem Bandmitglied, sondern von Prince, richtet die Aufmerksamkeit auf die vertraute Melodie, verlässt sich auf die Einfachheit der harmonischen Gestalt und auf Julia Hülsmanns intensive pianistische Gestaltungsarbeit.

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