+
Julia Fischer in der Alten Oper. Foto: Ansgar Klostermann/Proarte

Musik

Julia Fischer in der Alten Oper: Feine und breite Pinsel

  • schließen

Das Orchestre National de France mit Solistin Julia Fischer in der Alten Oper Frankfurt.

Die Vorstellung vom malenden Orchester ist zwar ein Behelf, um mit Unzulänglichkeiten bei der Beschreibung von Musik fertigzuwerden. Andererseits führte das Orchestre National de France in der Alten Oper Frankfurt nun wahrhaftig zuerst zu einem berühmten, synästhetisch angelegten Sommerbild und am Ende in jene womöglich noch berühmtere Ausstellung mit Arbeiten des kurz zuvor verstorbenen Künstlers Viktor Hartmann.

Die Antiteufelsgeigerin

Dazwischen spielte Julia Fischer Sergei Prokofjews 1. Violinkonzert so abstrakt wie nur möglich, aber auch ein abstraktes Bild ist offensichtlich ein Bild. Die drei Sätze, die spektakulär unspektakulär mit dem Moderato enden, dürften in ihrer zart, aber straff gewebten Oberfläche und der dabei kühlen – jedenfalls gewiss einen kühlen Kopf verlangenden – Virtuosität ideales Material für Fischer sein. Die Verbindung zwischen der unermüdlichen, in jeder sich dem Ohr erschließenden Einzelheit perfekten Fingerfertigkeit und der antiteufelsgeigerischen Haltung der Solistin – die ihre innere Erregung überhaupt nur durch gelegentliche schöne Ausfallschritte zeigte – war unwiderstehlich. Tatsächlich erschien das dichte Geflecht der praktisch ununterbrochen geschwinden, nicht verhetzten, sondern hurtigen Töne so fein und licht wie nur möglich und verlangte geradezu nach dem stoischen Vortrag. Der sich hinterher in der Bach-Zugabe noch in seiner wirklich strengen Form präsentierte.

Das Orchester zeigte sich als reaktionsfreudiger Begleiter, Dirigent Lionel Bringuier, der den wegen Krankheit kurzfristig, aber nicht zu kurzfristig ausgefallenen Emmanuel Krivine ersetzte, war hier vor allem ein Ordner des bewegten Geschehens. Claude Debussys Hochsommerstück „Prélude à l’après-midi d’un faune“, im Dezember 1894 in Paris uraufgeführt, hatte den Abend eröffnet und sollte sinnvollerweise in jedem Konzertprogramm im Januar und Februar enthalten sein. Der zu Radio France gehörende Klangkörper war eindrucksvoll bei der Übung zu erleben, trotz seines Umfangs eine schlanke, feingliedrige, flirrende Musik zu produzieren.

Nach der Pause stellten Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ eine sinnfällige Klammer für das dabei faszinierend zeitlos wirkende Programm dar: Der Klavierzyklus des russischen Komponisten, 23 Jahre vor dem Franzosen Debussy geboren, wurde in der Orchesterfassung Maurice Ravels 1923 in Paris uraufgeführt, nur wenige Monate vor dem Violinkonzert Prokofjews in derselben Stadt. Nun konnten große Orchestereffekte aufgefahren und durchaus auch der breite Pinsel zur Hand genommen werden. Es blühte, donnerte und krachte. Wer jedoch zufälligerweise am Vorabend im Frankfurter „Tristan“ gewesen war, zog noch einmal den Hut vor den Frankfurter Bläsern.

Als Zugabe ging es nach Venedig mit Offenbachs „Barcarole“. Man konnte sich kaum sattsehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion