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Jüdische Popsongs: Was wohl Liza Minnelli dazu sagt?

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David Bowie und Mick Jagger im Video zu „Dancing in the Streets“, 1985. Foto: Imago Images
David Bowie und Mick Jagger im Video zu „Dancing in the Streets“, 1985. © imago

Die New Yorker Zeitschrift „Forward“ veröffentlicht eine Liste der „150 größten jüdischen Popsongs“. Doch was haben Lieder von den Bangles und Billie Holiday darauf zu suchen? Die Erklärungen klingen charmant. Von Klaus Walter.

Wenn es einen Gott gibt da oben, dann hat er Sinn für Humor. Wie sonst wäre er auf die Idee gekommen, ausgerechnet einen sibirischen Juden das populärste Weihnachtslied der westlichen Hemisphäre komponieren zu lassen? Sein Name ist Israel Isidore Beilin, 1888 in Tjumen zur Welt gekommen, 1700 Kilometer östlich von Moskau. Auf der Flucht vor Gewalt und Pogromen landet der kleine Israel Isidore 1893 mit seinen Eltern auf Ellis Island, dem Sehnsuchtsort der Geflüchteten im New Yorker Hafen. Wie so viele Juden aus Osteuropa ändert er seinen Namen und avanciert als Irving Berlin zu einem der erfolgreichsten Songschreiber seiner Zeit. Auf sein Konto gehen Evergreens wie „Puttin’ on the Ritz“, „There’s no business like show business“ und „God bless America“. Und eben „White Christmas“.

Leute, die was übrig haben für diese Sorte Humor, dürften ihren Spaß haben an der Liste der 150 größten jüdischen Popsongs, präsentiert auf der Website der New Yorker Zeitschrift „Forward“, bis 2015 „The Jewish Daily Forward“, inzwischen online only. Wer sich diese Liste anhört und ansieht, dem könnte Hören und Sehen vergehen, denn da ist der „Forward“-Redaktion um den Initiator Seth Rogovoy ein kulturpolitischer Coup gelungen, der Fragen aufwirft. Erst mal die naheliegende: Was ist das eigentlich, ein jüdischer Popsong? Aber auch argwöhnische Fragen von nichtjüdischen Skeptiker:innen: Wozu eine Liste mit jüdischen Popsongs? Warum keine mit christlichen? Ist diese Liste philosemitisch und wenn ja, was heißt das? Heikle Fragen, zumal in Deutschland. Die einfachste, aber dann doch tückische Antwort: Ein Popsong von einer Jüdin, einem Juden ist ein jüdischer Popsong.

Nach dieser Logik ist die moderne Popmusik angloamerikanischer Provenienz seit der Mitte des 20. Jahrhunderts eine ziemlich jüdische Angelegenheit, eine Domäne der wurzellosen Kosmopoliten, wie Stalin die Juden zu nennen pflegte, es war nicht als Kompliment gemeint. „Wir hätten eine Liste mit 150 oder 300 oder 1000 Songs von Bob Dylan, Leonard Cohen, Paul Simon und Lou Reed erstellen können, und das wär’s gewesen.“ Sagt Seth Rogovoy. Sie hätten auch noch jeweils 150 Songs von Carole King unterbringen können, von Randy Newman und Amy Winehouse, den Beastie Boys und Drake, dem Minimal-Music-Pionier Steve Reich, der grandiosen Singer-Songwriterin Laura Nyro, den Ramones … Oder von den Haim-Schwestern, die gerade in Paul Thomas Andersons Kinohit „Licorice Pizza“ eine in Hollywood selten gesehene Jewishness performen.

Der schiere quantitative Anteil von Jüdinnen und Juden am Pop der Neuzeit, das offenbart die Liste, hat schon was, nun ja, Überwältigendes. Vom Qualitativen mal ganz abgesehen. Aber es kommt noch doller. Als sei die nummerische jüdische Überlegenheit im Pop nicht schon krass genug, beansprucht die „Forward“-Liste der „150 greatest Jewish pop songs of all time“ auch noch reichlich Musik für sich, die nun definitiv nicht von Jewish People kommt. „Dies ist keine Liste der besten jüdischen Künstler oder jüdischen Lieder“, sagt Seth Rogovoy. „Wir haben großartige Songs, die sich mit jüdischen Themen befassen, aber nicht von jüdischen Künstlern geschrieben wurden.“ So landen die Rolling Stones auf der Liste, weil Mick Jagger 1978 in ihrem Hit „Shattered“ eine Prise Yiddish droppt: „Shmatta, shmatta, shmatta, I can’t give it away on Seventh Avenue.“ So landen die des Jüdischen auf den ersten Blick unverdächtigen Bangles auf der Liste, weil ihr bittersüßes „Eternal Flame“ auf die ewige Flamme in der Synagoge anspielt, so der Begleittext zum Ranking, der 150-mal erklärt, „was an dem Lied jüdisch bedeutsam ist“, so Rogovoy. Jüdisch bedeutsam ist dann plötzlich ein „cheesy pop song“ von 2009, der sich als „most massive Bar Mitzvah hit of all time“ entpuppt: „I Gotta Feeling“ von den Black Eyed Peas.

Wie es zur wundersamen Jewification eines all american familienfreundlichen Hip-Hop-Schlagers kommt, das leitet mit einem kurvenreichen Argumentationsslalom Julie Potash Slavin her, eine der wenigen AutorINNEN der „Forward“-Liste. Vergleichsweise trivial verläuft die Integration von David Bowie in den jüdischen Kanon. „From Kether to Malkhut“ singe er in einwandfreiem Hebräisch in „Station to Station“. Na gut, aber schön ist dann wieder die Begründung: Bowies kabbalistische Erziehung habe dem alten Hexenmeister Aleister Crowley mehr zu verdanken als Gershom Scholem. Tatsächlich erklären die Begleittexte bei jedem Lied das spezifisch Jüdische. Und eröffnen so eine völlig neue Perspektive auf die Popgeschichte, wenn Songs, die wir schon tausendmal gehört haben, plötzlich als jüdisch markiert werden. Wenn wir erfahren, dass „The Boxer“ von Simon & Garfunkel eine Reminiszenz an „Slapsie Maxie“ Rosenbloom, Joseph „Jewey“ Smith und Ruby „The Jewel of the Ghetto“ Goldstein ist – populäre Preisboxer im New York zwischen den Weltkriegen. Wenn wir nicht nur erfahren, dass Liza Minnellis „Theme From New York, New York“ die inoffizielle Hymne der inoffiziellen Hauptstadt des jüdischen Amerika ist – sie nennen es auch Jew York –, sondern überdies im dazugehörigen Essay der Bogen zu Moses Maimonides geschlagen wird, einem jüdischen Philosophen, der im 12. Jahrhundert zwischen Andalusien und Ägypten tätig war. Was wohl Liza Minnelli zu dieser Deutung sagen würde?

Seth Rogovoy: „Es war uns egal, wer die Person war oder woher die Musik kam. Uns interessierte nur, dass das Lied ein jüdisches Thema oder eine jüdische Geschichte anspricht oder die jüdische Religion oder den Holocaust. Etwas, das es als jüdisches Lied identifizieren könnte. So haben wir es definiert. Nicht jeder mag diese Definition.“

Nicht jeder mag die Definition, nicht jeder mag die Liste, denn sie ist eine Anmaßung. Eine jüdische Anmaßung. Plötzlich lesen sich die 150 größten jüdischen Songs wie ein Who is Who des Pop. Nicht jeder mag das.

Von Jean-Paul Sartre stammt die Erkenntnis, dass der Antisemit definiert, was jüdisch ist, wer Jüdin ist und wer Jude. Frage an Steven Lee Beeber, er hat mitgearbeitet an der „Forward“-Liste und ist Autor eines Standardwerks über die jüdischen Wurzeln des New York Punk: Ist die Liste ein Versuch, sich die Definitionsmacht von den Antisemiten zurückzuholen? „Ich denke schon. Als ich mein Buch über die jüdischen Ursprünge des Punk schrieb, wollte ich eine andere Version von Juden zeigen, als die allgemein akzeptierte. Es war nicht cool, jüdisch zu sein. Als ich aufwuchs, war es mir peinlich, jüdisch zu sein. Aber als ich erfuhr, dass Lou Reed, Joey Ramone und Jonathan Richman Juden waren und dass Dylan nicht bloß ein Folkie war, sondern ein Protopunk in Lederjacke – da wurde mir klar, wie falsch ich gelegen hatte.“ Und, unübersetzbar: „Jews were bad asses. Yet not assholes. Think Groucho Marx or Phillip Roth, Anton Bruckner or Franz Kafka, Henry Miller or Steve Reich. Those are my people.“

Im Sinne Beebers können wir die Liste lesen als antiessenzialisische identitätspolitische Intervention – nein, das ist kein Paradox. Wenn jüdische Autor:innen, deren Vorfahren sich verstecken mussten, die ihr Jüdischsein camouflieren mussten, mit Aplomb so ziemlich alles Mögliche und Unmögliche im Pop für sich (re-)claimen, dann ist das einerseits eine identitäre Selbstermächtigung der spektakulären Art. Aber eben auch eine der spekulativen Art, denn die dreiste Jewifizierung von Jagger, Bowie & Co. verweist ja auch auf den hybriden, fluiden bis opaken Charakter von Identität. Wer wüsste das besser als die Kleins oder Bermowitze, Rabinowitze, Zimmermans, die sich – hier ist die Formel mal keine neoliberale Drohung, sondern eine Chance – neu erfinden als Carole King oder Alan Vega, Lou Reed oder Bob Dylan - dessen „Highway 61 (Revisited)“ übrigens auf Platz eins der Liste steht.

Sogar den laut „Time Magazine“ besten Song des 20. Jahrhunderts reißen sich die „Forward“-Leute unter den Nagel. Billie Holidays „Strange Fruit“, der Klassiker über die Lynchmorde an Schwarzen im amerikanischen Süden. Nein, die afroamerikanische Sängerin Billie Holiday war keine Jüdin. Auf die Liste gehört sie trotzdem, meint Seth Rogovoy: „Das Lied ist eine Manifestation der guten Beziehungen zwischen amerikanischen Schwarzen und amerikanischen Juden. Ein jüdischer Lehrer, Abel Meeropol, hat den Text geschrieben, inspiriert von den Lynchmorden. Billie Holiday nahm das Lied auf, und es ist bis heute einer der herzzerreißendsten, aber auch repräsentativsten Songs über die Schrecken des Rassismus. Dass ein Jude das Lied schrieb, ist ein Beweis für dieses gemeinsame Erbe.“ Das gemeinsame Erbe von jüdischen und afroamerikanischen Musiker:innen, auch dieses mal vergessene, mal verdrängte Kapitel der Popgeschichte wird wieder ins Licht gerückt durch die Liste der größten jüdischen Popsongs. Eine Liste des Grauens. Für Reinheitsfanatiker, Rassisten und Antisemiten.

https://forward.com/culture/music/480978/the-greatest-jewish-pop-songs-bob-dylan-haim-leonard-cohen-lou-reed/

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